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„Jesiden in der Sindschar-Region auf der Flucht: Machtpolitik auf dem Rücken der Bevölkerung“

VOICES-Kolumne im "Der Nordschleswiger": Aktuell spielt sich – weitestgehend von der Weltöffentlichkeit unbeobachtet – ein Drama ab, das schlimmste Erinnerungen an das Jahr 2014 weckt. Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden sind zum Spielball internationaler sowie regionaler Interessen geworden und fürchten um ihr Leben, schreibt Jan Diedrichsen in seiner Kolumne.

Krimtatare inhaftiert, weil er die Wahrheit über den Krieg berichtet

Viele Krimtataren haben bereits nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2014 und die Besatzung der Krim ihre Heimat verlassen. Die GfbV hat in der Zeit der beginnenden russischen Aggression intensiv das Schicksal der Krimtataren begleitet. Heute sind die Krimtataren beinah gänzlich aus dem Fokus verschwunden Der Druck auf die verbliebenden politischen Akteure bleibt jedoch enorm.

Der chilenische Verfassungskonvent beschließt erste Artikel

Der chilenische Verfassungskonvent hat nach sechsmonatiger Arbeit die ersten Artikel für die neue Verfassung beschlossen. Kaum vorgelegt, sorgen die Entwürfe für Aufregung, ist doch von Justizsystemen die Rede. Die Mapuche beispielsweise drängen auf ihre autonome Gerichtsbarkeit. Der Konvent scheint das selbstgesetzte Ziel anzustreben, die Plurinationalität und damit die Anerkennung der Ureinwohner.

Erschienen als Kolumne VOICES – MINDERHEITEN WELTWEIT im „Der Nordschleswiger“ 

Von Jan Diedrichsen

In der vergangenen Woche hat der Deutsche Bundestag in Berlin den Holodomor, das sowjetische Terror-Regime von 1932 bis 1933, offiziell als Völkermord gebrandmarkt. Deutschland folgt damit insgesamt 16 Ländern, darunter die Vereinigten Staaten, Australien, Kanada, Polen und der Vatikan, die dieses Menschheitsverbrechen als Völkermord einstufen.

Der Holodomor – wörtlich „Tod durch Hunger“ – ist das direkte Ergebnis von Stalins Strategie, den ukrainischen Widerstand gegen die Kreml-Herrschaft zu brechen, indem Hunger gnadenlos als Waffe eingesetzt wurde.

Russland leugnet die Absicht

Das russische politische Establishment unter Wladimir Putin bestreitet heute diese Ansicht heftig. Es schwankt zwischen der völligen Leugnung, dass die Hungersnot das Ergebnis einer bewussten sowjetischen Strategie war, und dem Beharren darauf, dass Stalins Absicht darin bestand, die Bauernschaft (Kulaken) als Klasse zu terrorisieren. Es sei nie der Plan gewesen, die Ukraine als Nation auszulöschen, und damit habe es sich bei den Millionen Toten nicht um einen Völkermord/Genozid, sondern „nur“ um ein „gängiges“ Verbrechen gehandelt. Juristische Finessen im Angesicht des blanken Terrors.

Wer die Berichte von den wenigen unabhängigen Medienleuten und Beobachtern liest, die das Massensterben von damals ohne Propaganda-Scheuklappen nach eigenem Ansehen beschrieben haben, kann solche juristischen Details nur irrelevant finden und bleibt entsetzt zurück: „Die Menschen klammern sich mit all ihrer schwindenden Kraft an das Leben. Sie essen Gras, Lederstiefel, Baumrinde. Sie mahlen Hirsespelzen mit Unkraut, nur um einen Tag länger zu überleben. Die Nahrung ist kaum kaubar, und der menschliche Körper kann sie nicht verdauen, sodass die Menschen ständig Bauchschmerzen haben. Der Hunger lässt die Beine anschwellen und die Haut aufreißen. Leichen liegen auf den Straßen. Einigen fehlt das Fleisch. Mütter verlieren den Verstand, wenn sie ihre Kinder sterben sehen“, heißt es in den Berichten von Zeitzeugen.

Vergessener Schrecken des 20. Jahrhunderts

Die Ukraine, jahrhundertelang die wohlgenährte Kornkammer Europas, wurde vor 90 Jahren in eine Hölle verwandelt. Jahrzehntelang blieb der Holodomor, dem schätzungsweise sieben Millionen Menschen zum Opfer fielen, einer der weitgehend vergessenen Schrecken des 20. Jahrhunderts.

In der Nachkriegszeit versuchten die ukrainischen Immigrantinnen und Immigranten, die Erinnerung an den Holodomor wachzuhalten. Ihre Bemühungen fanden die Unterstützung von Raphael Lemkin, dem in Polen geborenen jüdischen Anwalt und Wissenschaftler der Universität Yale, der den Begriff des Völkermords (Genozid) prägte und während der Nürnberger Prozesse als Berater der US-Ankläger fungierte.

Im September 1953 sprach Lemkin auf einer ukrainisch-amerikanischen Kundgebung in New York über den Holodomor als „sowjetischen Genozid in der Ukraine“. Einige sowjetische Dissidenten, vor allem Wassili Grossman in seinem essayistischen Roman „Alles fließt“ (1970), schrieben ebenfalls schonungslos über das Hungerverbrechen.

Verbrechen an der Menschheit

Im Jahr 2006 erklärte das ukrainische Parlament den Holodomor zum Genozid an der ukrainischen Bevölkerung. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages zogen nun nach.

Der massenhafte Hungertod sei keine Folge von Missernten, sondern von der politischen Führung der Sowjetunion unter Josef Stalin verantwortet worden, heißt es in dem Antrag. Der Holodomor stelle ein „Menschheitsverbrechen“ dar, aus heutiger Perspektive liege „eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe“, schreiben die Abgeordneten.

Hunger und Isolation

Bereits im Winter 1931/1932 seien Hunderttausende auf dem Land und in den Dörfern an Unterernährung gestorben. Trotzdem seien gewaltsame Zwangsrequirierungen von Ernten fortgesetzt worden. „Hunger wurde zusätzlich als Strafe eingesetzt und bei Nichterfüllung der festgesetzten Abgabemengen ein Vielfaches an Getreide und anderen Lebensmitteln verlangt und konfisziert. Die betroffenen Regionen wurden abgeriegelt, um die Flucht der Hungernden in die Städte und den Transport von Lebensmitteln in die Regionen zu verhindern.“ Allein im Winter 1932/1933 seien dadurch in der Ukraine drei bis dreieinhalb Millionen Menschen verhungert, schreiben die Abgeordneten.

Sie erinnern daran, dass auch in weiteren Gebieten der Sowjetunion Millionen Menschen durch politisch herbeigeführte Hungerkatastrophen ums Leben kamen, darunter in Kasachstan und entlang der russischen Flüsse Wolga und Don.

Die Ukraine hat am Sonnabend der Opfer des Holodomor am 90. Jahrestag gedacht: „Einst wollten sie uns mit Hunger vernichten, jetzt mit Dunkelheit und Kälte“, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskij in den sozialen Medien. Er bezog sich dabei auf die anhaltenden russischen Angriffe auf die ukrainische zivile Infrastruktur, durch die Tausende von Städten ohne Strom geblieben sind. „Doch wir lassen uns nicht knechten, damals nicht und heute auch nicht.“