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Dastan Jasim

Von Wolfgang Mayr

Die Kurden, Frauen wie Männer, sind einem radikalen Rassismus ausgesetzt, sagt Dastan Jasim im Interview mit „disorient“. Im Irak und Syrien sind KurdInnen in Kämpfe verwickelt und Kurdinnen emanzipierten sich vom sogenannten arabischen Frühling, so die These von Dastan Jasim.

Dastan Jasim, Doctoral Fellow am German Institute for Global and Area Studies in Hamburg, war wissenschaftliche Mitarbeiterin der Amerikanischen Universität Irak und sammelt für das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktstudien Informationen und Daten zu den Kurdenkonflikten im Irak und in Syrien.

Desoriert führte mit Dastan Jasim ein ausführliches Gespräch („Jahrzehntelanger anti-kurdischer Rassismus trägt Früchte“ | dis:orient (disorient.de). Daraus einige ihrer Überlegungen.

Die Kurd:innen werden wegen ihrer Ethnizität verfolgt und unterdrückt, erklärt Jasim, aber nicht nur weil es sich Angehöriger der kurdischen Nationalität handelt, sondern weil sie in Syrien, in der Türkei und im Irak in rohstoffreichen und  landwirtschaftlich günstig gelegenen Region leben . In ihren Grenzregionen wird seit Jahrtausenden Handel betrieben. Das Zweistrom-Land zwischen Euphrat und Tigris war in der Hoch-Zeit des Islamischen Staates eines der umkämpftesten Gebiete.

Das Baath-Regime im Irak vertrieb in den 1970er Jahren die kurdische Bevölkerung zwischen Kirkuk und Mossul, das syrische Baath-Regime „säuberte“ bereits in den 1960er Jahren einen Teil des Grenzgebietes zur Türkei von KurdInnen und siedelte arabische Familien an. Tausenden KurdInnen „verloren“ die syrische Staatsbürgerschaft, die Staatenlosen waren auf den guten Willen des Regimes in Damaskus angewiesen.

Militanter arabischer Nationalismus

„Länder wie Syrien leben vom arabischen Nationalismus“, sagt Jasim im disorientiert-Interview. Das gilt für die Assad-Opposition gleichermaßen wie für das Regime. Die sogenannte Syrische Nationale Armee „brandmarkt die Kurd:innen als Verräter:innen, die sich geweigert hätten, sich der Opposition anzuschließen,“ sagt Jasim. 2012/2013 schlugen die kurdischen Parteien in Nord-Syrien, in Rojava, einen eigenen Weg ein, abseits der syrischen Opposition und erklärten sich für autonom. Schutzschirm dafür waren die USA und Russland gleichermaßen.

Auch der europäischen Linken fehlt dafür das Verständnis, kritisiert Jasim den fehlenden differenzierenden Blick auf die Lage in Syrien. „Viele Menschen nahmen kaum wahr, dass eine Anti-Assad-Einstellung nicht zwangsweise einherging mit linken und emanzipatorischen Inhalten,“ wirft die Wissenschaftlerin europäischen AktivistInnen mangelnde Kenntnisse vor.

2016 begrüßte die Freie Syrische Armee die türkischen Angriffe auf Rojava und Teile davon schlossen sich gar dem Islamischen Staat an. Islamistische Anti-Assad-Milizen und die türkische Armee besetzten die kurdische Enklave Afrin, mit verheerenden Folgen für kurdische Mädchen und Frauen, für die kurdische Zivilbevölkerung. In Afrin errichteten die Besatzer ein „religiöses“ Plünderer-Regime.

Kaltschnäuzige Geopolitik

Der Nato-Staat Türkei und seine islamistischen Handlanger bedrohen nicht nur das kurdische Rojava. Eisern umklammert die Türkei auch die kurdische Autonomie-Region im Irak. Die dort ausgebrochenen innerkurdischen Machtkämpfe sind aber nicht nur als interne Angelegenheiten zu betrachten, warnt Dastan Jasim vor einer zu einfachen Schwarz-Weiß-Erklärung. Es gilt das Prinzip Geopolitik. Die Türkei konnte zwar nicht die kurdische Autonomie verhindern, sie ist das Produkt des US-amerikanischen Patronats, „Ankara überlegte sich ganz genau, wie es die kurdische Autonomie im Irak möglichst flach halten konnte“ (Dastan Jasim). Die Erdogan-Türkei arbeitet mit den kurdischen Parteien zusammen, nutzte Konflikte zwischen diesen Gruppen aus und mischte sich auch in den Bürgerkrieg ein, erklärt Jasmin.

In Süd-Kurdistan, in der autonomen Region im Irak, verteidigen „Kurd:innen ihre Autonomie – nicht nur gegen türkische Drohnen sondern immer wieder auch gegen iranische Angriffe“, ein Zweifrontenkrieg, beschreibt Dastan Jasim die schwierige Lage. Sie wirft den beiden dominierenden Parteien vor, eine Zweiklassengesellschaft errichtet zu haben, zwei Parteien teilen sich die gesamte Macht auf. „Große Einschnitte in die Pressefreiheit und Menschenrechtsverletzungen gehören unter diesen Parteien zum Alltag“, bestätigt Jasim die Kritik der Opposition aus Süd-Kurdistan.

In Süd-Kurdistan herrscht ein autoritäres Klima, bedauert Dastan Jasim. Angriffe auf Meinungs- und Pressefreiheit, gewaltsame Unterdrückung der Proteste 2020.

Süd-Kurdistan: Kein Modell mehr?

Die kurdische Regionalregierung erlaubt der Türkei Angriffe auf PKK-Stellungen in den Kandil-Bergen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die PKK und die YPG in Syrien in Süd-Kurdistan inzwischen auf viel Sympathie stößt, vermutet Dastan Jasim. Die türkischen „Sicherheitskräfte“ arbeiten der Regionalregierung zu, bekämpfen das Erstarken der kurdischen Opposition. Andererseits „agiert die Regionalregierung für den eigenen Machterhalt als Stellvertreterin türkischer Interessen, weswegen die Türkei niemals zulassen würde, dass die Barzani-Familie oder andere einflussreiche Familien durch eine demokratische Opposition ersetzt würden“, ist sich Jasim sicher.

Die politische Trostlosigkeit und wirtschaftliche Perspektivenlosigkeiten verursachen Proteste von Teenager:innen und jungen Menschen ohne Perspektive. Viele haben trotz Schulabschluss keine Aussichten auf ein würdevolles Leben, oft arbeiten sie in der Privatwirtschaft und sind dort Ausbeutung und Schikane ausgesetzt. Dementsprechend radikaler sind ihre Forderungen. Dementsprechend die Antwort der Regierenden: Mit Panzern, Barrikaden, Ausgangssperren gingen die Sicherheitskräfte gegen die Protestierenden vor. Viele von ihnen strandeten in der Zwischenzeit an der belarusisch-polnischen Grenzen. Dort hingekarrt von amtlichen kurdischen und türkischen Schleppern.

Der anti-kurdische Rassismus ist eingebettet in den arabischen Nationalismus. Der blendet auch die europäische Sicht auf den Nahen Osten, vermutet Jasim. Sie zitiert als weiteres Beispiel den Krieg in Arzach (Berg-Karabach) zwischen Armenien und Aserbeidschan. „Weder die Medien noch die progressiven Bewegungen in Deutschland konnten sich positionieren, weil ihnen das Verständnis und das Wissen fehlte,“ wirft Dastan Jasim der europäischen Linken politische Unbedarftheit vor. „Alles, was über die herrschenden Gruppen, Araber:innen, Türk:innen und Perser:innen, hinausgeht, fällt unter den Tisch,“ kommentiert Jasim.

Die überregionale Hochschulgruppe KIARA (Kritische Islamwissenschaftler*innen und Arabist*innen) setzt sich mit Theorie und Forschung zu WANA (Westasien, Nordafrika) auseinander und organisiert dafür die aktuelle Vortragsreihe „10 Jahre sogenannter Arabischer Frühling“. Im Rahmen einer Kooperation zwischen KIARA und dis:orient werden hier ausgewählte Beiträge zu den Veranstaltungen veröffentlicht.

„Jahrzehntelanger anti-kurdischer Rassismus trägt Früchte“ | dis:orient (disorient.de)

Irak: Der Westen ist mitverantwortlich für die Misere im Nordirak (nzz.ch)

Nordirak: Kurdistan versinkt im Chaos | Telepolis (heise.de)

Das Besondere an Kirkuk | Telepolis (heise.de)

Reaktionen der kurdischen Bevölkerung | Telepolis (heise.de)