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Von Jan Diedrichsen

Die französische Organisation Médecins Sans Frontières leistet seit einem halben Jahrhundert medizinische Hilfe in Katastrophengebieten und ist derzeit in mehr als 70 Ländern tätig.

Die Anfänge der heute weltweit agierenden Hilfsorganisation hat zahlreiche Anknüpfungspunkte zur Entwicklung der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und den Prinzipien, die unsere Menschenrechtsorganisation über Jahrzehnte geprägt hat. Es war daher naheliegend, dass einer der Gründer von „Ärzte ohne Grenzen“ 2014 in Göttingen den Victor-Gollancz-Preis für sein Lebenswerk erhielt: Bernard Kouchner (die Berichterstattung über die Ehrung in der Göttinger Universität weiter unten).

Ärzte ohne Grenzen, wie die Organisation auf Deutsch heißt, wurde am 22. Dezember 1971 von elf Ärzten und zwei Journalisten gegründet und hat sich von einer kleinen Gruppe von Freunden, die ohne finanzielle Mittel arbeiteten, zu einem weltweit anerkannten Netzwerk entwickelt, das den Opfern von Naturkatastrophen, Hungersnöten, Konflikten und anderen Katastrophen auf der ganzen Welt medizinische Hilfe leistet und rund 100 Einsätze in 75 Ländern durchführt.

Bernard Kouchner war vom Roten Kreuz Ende der sechziger Jahre als angehender Arzt nach Nigeria geschickt. Dort tobte ein blutiger Bürgerkrieg. Kouchner erlebte Grausamkeiten aus nächster Nähe: „Das Massaker in Biafra ist ein Völkermord“, schrieb er seinerzeit. Sich an die Rote-Kreuz-Statuten wie „Neutralität“ und „Unparteilichkeit“ zu halten erschien Kouchner unmenschlich. Aus diesem Gedanken des Handelns in der Verzweiflung heraus entstand sowohl „Ärzte ohne Grenzen“ als auch die „Biafra Hilfe“ – später Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).

Der erste Einsatz von „Ärzte ohne Grenzen“ erfolgte 1972 in Nicaragua nach einem Erdbeben, das einen Großteil der Hauptstadt zerstörte und Zehntausende von Menschen tötete.

1979 hatte Bernard Kouchner, eines der Gründungsmitglieder und damals Präsident der Organisation, sich einem Aufruf von Pariser Intellektuellen, darunter der Philosoph Jean-Paul Sartre, anschloss und ein Boot charterte, das Flüchtlinge aufnahm, die vor dem kommunistischen Regime in Vietnam flohen.

Einige waren damals der Auffassung, dass die Organisation politisch neutral bleiben solle. Einige Mitglieder, darunter Kouchner, verließen daraufhin die Gruppe.

Im Laufe der Jahre hat „Ärzte ohne Grenzen“ dennoch nicht geschwiegen. Durch die Beschaffung von Geldern aus privaten Quellen wurde die Organisation finanziell unabhängig und konnte sich zu Gräueltaten äußern, die ihrer Meinung nach hätten verhindert werden können.

1999 erhielt „Ärzte ohne Grenzen“ den Friedensnobelpreis, der es der Organisation ermöglichte, eine Kampagne für einen breiteren Zugang zu Medikamenten zur Behandlung von Tropenkrankheiten und AIDS zu finanzieren.

Heute beläuft sich das Jahresbudget von „Ärzte ohne Grenzen“ auf rund 1,6 Milliarden Euro, und die Organisation beschäftigt 61.000 Mitarbeiter, von denen zwei Drittel vor Ort tätig sind.

 

 

Bernard Kouchner erhält Victor-Gollancz-Preis: Menschenrechtler ehren Menschenrechtler

Wer die Vita von Bernard Kouchner studiert, wird zwangsläufig wiederholt beeindruckt innehalten. Der heute 75-Jährige, in Avignon geborene Arzt, Autor, Politiker und Menschenrechtler hat in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht nur die Weltgeschichte miterlebt, sondern sie teilweise mitgeschrieben.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zeichnete den Franzosen am 27. September 2014 für sein Lebenswerk mit dem Victor-Gollancz- Preis aus. In der altehrwürdigen Aula der Göttinger Universität trafen bei der Preisverleihung zwei europäische Menschenrechtler zusammen, die jeder auf seine Art und Weise die Arbeit für die Menschenrechte weltweit über die vergangenen Jahrzehnte maßgeblich geprägt haben: der Gründer und heutige Generalsekretär der GfbV, Tilman Zülch, und der Gründer der Ärzte ohne Grenzen, Bernard Kouchner.

Geplant war ein Treffen des „Trios der Menschenrechtskämpfer“. Leider musste der dritte im Bunde, Rupert Neudeck – der Gründer von Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V. –, kurzfristig krankheitsbedingt absagen. Er war als Freund und Wegbegleiter von Bernard Kouchner für die Laudatio des mit 3.000 Euro dotierten Preises vorgesehen.

Dennoch wurde die  feierliche Preisverleihung – die Rede von  Rupert  Neudeck  wurde  verlesen –  zum  beeindruckenden  Plädoyer  für die universell gültigen Menschenrechte. Was nicht zuletzt der fulminanten, frei vorgetragenen Dankesrede von Kouchner zuzuschreiben war.

Als langjähriger Freund der Kurden warnte  Kouchner  vor  den  Grausamkeiten,  die  zurzeit  in  Syrien  und Irak täglich geschehe – und nun mit Blick auf  die aktuell hochdramatische  Lage  weiter zu eskalieren drohe: Die Kämpfer der Terrormiliz  Islamischer  Staat  (IS)  stehen nur wenige Kilometer vor der kurdischen  Grenzstadt  Kobani.  Die Welt muss reagieren und darf nicht nur zuschauen oder gar wegschauen, betonte der ehemalige französische Außenminister. Eindringlich machte Kouchner auch auf die Ebola-Epidemie in Afrika aufmerksam, die sich zur neuerlichen Tragödie des arg gebeutelten Kontinents entwickle.

Wie bei Tilman Zülch  beginnt  für Kouchner vieles in Afrika: In Biafra, wo von 1968 bis 1970 – mit Unterstützung  der  Sowjetunion  und  Großbritannien  –  mehr  als  zwei  Millionen Ibos unter den Augen der Weltöffentlichkeit ermordet wurden. Bernard Kouchner lebte als junger Arzt monatelang in dem eingekesselten Biafra, operierte in einem Feldlazarett fast pausenlos und erlebte unter  Einsatz des  eigenen  Lebens  mit,  zu  welchen Grausamkeiten  Menschen  fähig  sind. Als Entsandter des Roten Kreuzes zur strikten politischen Neutralität verpflichtet, brachte ihn  die  eigene  politische Untätigkeit zur Verzweiflung: nichts  gegen  die Gräueltaten  tun  zu können,  außer  die  Opfer  notdürftig zu  versorgen,  sofern  diese  noch  am Leben waren. Er entschied sich dafür, den Eid zu brechen,  den  er  geschworen hatte, und über die unvorstellbaren Grausamkeiten zu berichten und auch politisch  zu  handeln.

Die persönliche Erfahrung von Hilflosigkeit brachte ihn dazu,  die  noch  heute  weltweit  tätige  Organisation  Ärzte  ohne  Grenzen zu gründen. Bernard Kouchner hat an zahlreichen  Krisenherden als  Menschenrechtler  Großes  geleistet.  Der Sprung in  die  Politik  –  vor  allem  in  seiner Zeit  als  Außenminister  unter  Nicolas Sarkozy  –  haben  ihm  viele  übel  genommen.  Doch wer  den  diesjährigen Victor-Gollancz-Preisträger im persönlichen Gespräch erlebt, erkennt die ungebrochene  Überzeugung,  für diejenigen  sprechen  und  handeln  zu müssen, die keine Stimme haben. Die Kompromisse – so gibt er gerne  zu  –,  die  ein  Leben  in  der  Politik mit sich bringt, können mitunter sehr schmerzlich sein. „Glauben Sie ja nicht, dass mein Freund  Steinmeier nicht  liebend  gerne,  lieber  heute  als morgen, mehr tun würde. Wenn man den Widerspruch nicht  mehr  aushält, muss  man  zurücktreten“,  sagt  Kouchner, der jedoch gleichzeitig hinzufügt, dass man sich damit auch aus der Verantwortung  stiehlt.  Den eigenen Einfluss, den man als hochrangiger Politiker hat, müsse man nutzen – trotz der vielen Zwänge.

Es ist ein beeindruckender, lebensfroher „Grand  Old  Man“  der  Menschenrechtsarbeit  ausgezeichnet worden, der im persönlichen Gespräch die Praktikantin genauso ernst nimmt wie hohe  politische  Vertreter. Ein Preisträger,  der  zuhören  kann,  aber  noch viel besser erzählt von den Menschen, Konflikten  und  Ereignissen,  die  sein Leben geprägt haben. Ein Politiker, der von Vier-Augen-Verhandlungen mit den ganz Großen  der  Weltpolitik  berichten kann und auch nicht mit persönlichen  Einschätzungen  geizt.  Der in Göttingens Fußgängerzone spontan die wohl in Göttingen berühmteste Französin Barbara – die er persönlich sehr gut  gekannt  hat  –  singend  text-sicher  ehrt.  Sein Rat  ist  weiterhin  gefragt.  Beim gemeinsamen Frühstück telefoniert  er  mit  dem  Generalstabschef  der  französischen  Armee,  der seine  Einschätzung  der  Lage  in  Syrien  und  Irak  hören  will:  Sowohl  dem General  als  auch  den  beeindruckten Frühstücksgästen gegenüber macht Kouchner klar: „Wir müssen handeln.

Wir dürfen nicht erneut zusehen, wie ein Genozid sich ankündigt und dabei nicht agieren. Die Kämpfer des Islamischen Staates sind Barbaren, die es zu stoppen gilt.“ Der Victor-Gollancz-Preis ging 2014 an den Menschenrechtler Bernard Kouchner, der sich bereits wenige Tage später wieder auf den Weg  gemacht  hat,  um  persönlich  im Irak  und  Syrien  die  Lage  vor  Ort    zu sondieren.

(Artikel erschienen 4/2014 in „bedrohte Völker – pogrom“ / von Jan Diedrichsen)