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„Jesiden in der Sindschar-Region auf der Flucht: Machtpolitik auf dem Rücken der Bevölkerung“

VOICES-Kolumne im "Der Nordschleswiger": Aktuell spielt sich – weitestgehend von der Weltöffentlichkeit unbeobachtet – ein Drama ab, das schlimmste Erinnerungen an das Jahr 2014 weckt. Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden sind zum Spielball internationaler sowie regionaler Interessen geworden und fürchten um ihr Leben, schreibt Jan Diedrichsen in seiner Kolumne.

Krimtatare inhaftiert, weil er die Wahrheit über den Krieg berichtet

Viele Krimtataren haben bereits nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2014 und die Besatzung der Krim ihre Heimat verlassen. Die GfbV hat in der Zeit der beginnenden russischen Aggression intensiv das Schicksal der Krimtataren begleitet. Heute sind die Krimtataren beinah gänzlich aus dem Fokus verschwunden Der Druck auf die verbliebenden politischen Akteure bleibt jedoch enorm.

Der chilenische Verfassungskonvent beschließt erste Artikel

Der chilenische Verfassungskonvent hat nach sechsmonatiger Arbeit die ersten Artikel für die neue Verfassung beschlossen. Kaum vorgelegt, sorgen die Entwürfe für Aufregung, ist doch von Justizsystemen die Rede. Die Mapuche beispielsweise drängen auf ihre autonome Gerichtsbarkeit. Der Konvent scheint das selbstgesetzte Ziel anzustreben, die Plurinationalität und damit die Anerkennung der Ureinwohner.

Von Wolfgang Mayr

Eine grauenhafte Geschichte hat mit voller Wucht die Vereinigten Staaten und Kanada eingeholt. Die brutale Assimilierung von mehr als 150.000 indianischen Kindern durch die berüchtigten kanadischen Residential Schools. Indianisch war verboten, wurde kompromisslos verfolgt, viele der Kinder wurden misshandelt, missbraucht, verhungerten, wurden ermordet. 

In Kanada forderte nach Abschluss ihrer Arbeiten eine Untersuchungskommission die Regierung auf, die „Arbeit“ der Residential Schools als „kulturellen Völkermord“ zu klassifizieren. Die Opfer und ihre Nachkommen sollen für das zugefügte und erlittene Leid finanziell entschädigt.

Die kanadische Regierung einigte sich in langwierigen Verhandlungen mit den 325 first nations auf finanzielle Wiedergutmachung, auf Entschädigungszahlungen in der Höhe von 2,8 Milliarden kanadische Dollar (1,9 Milliarden Euro). Begründung: Mit diesem Geld soll der „kollektive Schaden und der Verlust der Sprache, der Kultur und des Erbes“ repariert werden. Ende Februar wird ein Bundesgericht festlegen, wie die Milliarden-Entschädigung ausgezahlt wird.

In den USA initiierte Innenministerin Deb Haaland, eine Laguna-Puebla, eine landesweite Untersuchung der Folgen der schulischen Assimilierung indianischer Kinder in 400 Internaten zwischen 1819 und 1969. Schon 1965 kam ein von Robert F. Kennedy geleitete Senatsausschuss zur Erkenntnis, dass das „indianische Erziehungswesen“ eine „nationale Tragödie“ ist. 1971 geißelte Lehman Brightman von den United Native Americans das Versagen der Schulen des Bureau of Indian Affairs. 

Die öffentliche Diskussion über den „kulturellen Völkermord“ und seine späte Anerkennung ist eine notwendige Aufarbeitung der nordamerikanischen Geschichte. Die Geschichte der vergangenen 100 Jahre, in denen die Überlebenden der Eroberung in die weißen Mehrheitsgesellschaft zwangsassimiliert wurden. 

Im Visier Mädchen und Frauen

Das kanadische und US-amerikanische Bedauern über den Ethnozid durch Integration sind Krokodilstränen. Denn der Ethnozid ist nicht beendet: Weniger Aufmerksamkeit erfährt der lautlose Krieg weißer Männer gegen indianische Mädchen und Frauen, in Kanada wie auch in den USA. 

Laut der Canadian Women’s Foundation war 2020 eine von fünf in Kanada getöteten Frauen indigen. Seit 1980 gelten 1.200 indigene Frauen in Kanada als vermisst gemeldet. Obwohl sie nur 4,3 Prozent der weiblichen kanadischen Bevölkerung stellen, sind 11,3 Prozent der vermisst gemeldeten Frauen indigen. Ihr Anteil unter den weiblichen Mordopfern ist sogar 16 Prozent. 

Auch in den USA ist ein großer Teil der vermissten und ermordeten Mädchen und Frauen indianischer Abstammung. Auf den Reservaten ist die Mordrate zehnmal höher als der US-Durchschnitt. Mord ist die dritthäufigste Todesursache für indigene Mädchen und Frauen.

Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher. Die kanadische Regierung und kanadische Polizei erfassen nicht die ethnische Zugehörigkeit der verschwundenen Frauen. Eine vertane Chance, zuverlässige Statistiken zu erstellen. Die Folge, mehr als die Hälfte der Verbrechen an indigene Frauen wurde bis heute nicht aufgeklärt. Die Aufklärungsquote von Gewaltverbrechen im gesamtkanadischen Durchschnitt hingegen liegt bei 83 Prozent.

Weltweit bekannt wurde der kanadische Highway 16, der „Highway of Tears“. Entlang des 700 Kilometer langen Highways „verschwinden“ immer wieder indigene Mädchen und Frauen, spurlos. 18 sind es nach offiziellen Polizeiangaben, 17 von ihnen Indianerinnen. Amnesty International befürchtet, dass es noch wesentlich mehr Fälle gibt. Kein Fall wurde aufgeklärt. Die Polizei gibt sich wenig Mühe, die Verbrechen aufzuklären, kommentierte „Der Spiegel“ die Verbrechen an Indianerinnen.

Die verschwundenen Frauen – missing and murdered women – werden, wenn überhaupt, als übel zugerichtete Leichen wieder gefunden. Entführt, misshandelt, missbraucht, ermordet, meist in Nylonsäcken entsorgt auf Müllhalden oder an den Straßenrändern. Das Leben einer Indianerin zählt nichts im hohen Norden. Für Gladys Radek von Missing and Murdered Women ist klar: Die Frauen sind oft Opfer von Männern der Holzfällercamps. Radek schätzt, dass ihnen mindestens 500 Frauen zum Opfer gefallen sind.

Solche Tragödien scheinen in den beiden demokratischen Rechtsstaaten Kanada und USA zum indianischen Alltag zu gehören. Ein weiteres Beispiel, Wyoming. Zwischen 2011 und 2020 wurden mehr als 700 IndianerInnen vermisst. Mehr als die Hälfte davon Mädchen und Frauen, führte die Missing and Murdered Indigenous Task Force in ihrem Bericht an. Vermisstenanzeigen von indigenen Frauen wird kaum nachgekommen. Dies gilt auch für Montana und für viele andere westliche US-Bundesstaaten.

Der US-Filmemacher Taylor Sheridan widmete 2017 seinen Film „Wind River“ den vermissten und ermordeten indianischen Frauen. Sie sind Gewalttätern schutzlos ausgeliefert, die Vergewaltiger und Mörder fühlen sich sicher, wie schon ihre Vorfahren, Akteure von Kriegsverbrechen wie am Sand Creek, 1864 im heutigen US-Bundesstaat Colorado.

Stolen Sisters

Die Beamten stufen die indigenen Vermissten meist als drogen- oder alkoholabhängig ein, als Prostituierte. Zweifelsohne ist auf den Reservaten Gewalt an indigenen Frauen ein Problem der häuslichen Gewalt. Ein Großteil der Täter ist aber weiß, reservatsferne Menschen. Sie werden von der Polizei kaum „verfolgt“. Ausdruck des noch immer herrschenden rassistischen Siedlerkolonialismus.

Auf den Reservaten und in vielen städtischen indianischen Viertel sind die Lebensumstände für viele indigene Frauen miserabel. Sind sie oft obdach- und arbeitslos, schlecht ausgebildet. Mehr als zwei Drittel der vermissten Frauen sind Mütter. 

Weißen Gewalttätern scheinen „Übergriffe“ auf Indigene weniger schlimm zu sein als auf nicht-indigene Frauen. Indigene Frauen gelten als angeblich „willig“, sie als Opfer sind schutzlos. Die Täter wähnen sich angesichts der wenigen Verurteilungen für Verbrechen an indigenen Frauen in Sicherheit. 

Viele indigene Frauen wurden in den letzten Jahren vor Bars, Restaurants und auf Straßen entführt, brutal verprügelt, sexuell missbraucht und ermordet. Diesen Krieg gegen indigene Mädchen und Frauen dokumentierte sogar die Bundespolizei RCMP.

Die schlechte Polizeiarbeit, der geringe Respekt und die niedrige Gewaltschwelle gegenüber indigenen Frauen machen es für sie dreimal wahrscheinlicher, Opfer von Gewaltverbrechen zu werden, als für Frauen anderer ethnischer Abstammungen. 

Indianische Organisationen und Menschenrechtsorganisationen wie der Native Women Associaton of Canada (NWAC) und Amnesty International Kanada  drängen auf bundesweite Untersuchungen der zahlreichen Fälle. Selbstorganisationen betroffener Gemeinschaften wie die No More Stolen Sisters, die Justice for Missing and Murdered Women, das Stolen Sisters Awarenes Movement sammeln Fakten und versuchen aufzuklären. Trotz verschiedener großer Dokumentationen und dem jährlich am 14. Februar stattfindenden Women´s Memorial March gibt es kaum Verbesserungen.

Als Antwort auf das polizeiliche und staatliche Desinteresse an den vermissten indigenen Mädchen und Frauen entstanden neue Initiativen, wie Idle no More, eine Bewegung für ein souveränes indigenes Leben. Der Ruf „Idle no more!“ ging im November 2012 wie ein Lauffeuer durch den Norden Kanadas, beschreibt Claus Biegert den Auftakt dieser neuen Basisbewegung. „Der Slogan sorgte für die ersten Nachrichten, als Teresa Spence von den Cree ihr Büro in der Subarktis verließ, nach Süden flog und vor dem Regierungsgebäude in Ottawa einen Hungerstreik begann.“

Für Claus Biegert ist das weibliche Profil des Protests ist kein Zufall: Für die First Nations haben die Unterjochung der weiblichen Ureinwohner und die Unterjochung der weiblichen Erde einen gemeinsamen Ursprung. 

Vor zehn Jahren veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erstmals einen Report, der auf 84 Seiten belegt, dass es in Kanada bis heute lebensgefährlich sein kann, Indianerin zu sein. Zu den Tätern zählten auch Polizisten der RCMP (Royal Canadian Mounted Police). Geändert hat sich seitdem wenig. Vergewaltiger und Mörder indigener Mädchen und Frauen blieben meist unbehelligt. Claudette Dumont-Smith, Leiterin der Native Women’s Association of Canada, erklärt: „Es ist eine Schande für Kanada, dass beinahe jeden Monat unschuldige Leben genommen werden.“