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„Jesiden in der Sindschar-Region auf der Flucht: Machtpolitik auf dem Rücken der Bevölkerung“

VOICES-Kolumne im "Der Nordschleswiger": Aktuell spielt sich – weitestgehend von der Weltöffentlichkeit unbeobachtet – ein Drama ab, das schlimmste Erinnerungen an das Jahr 2014 weckt. Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden sind zum Spielball internationaler sowie regionaler Interessen geworden und fürchten um ihr Leben, schreibt Jan Diedrichsen in seiner Kolumne.

Krimtatare inhaftiert, weil er die Wahrheit über den Krieg berichtet

Viele Krimtataren haben bereits nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2014 und die Besatzung der Krim ihre Heimat verlassen. Die GfbV hat in der Zeit der beginnenden russischen Aggression intensiv das Schicksal der Krimtataren begleitet. Heute sind die Krimtataren beinah gänzlich aus dem Fokus verschwunden Der Druck auf die verbliebenden politischen Akteure bleibt jedoch enorm.

Der chilenische Verfassungskonvent beschließt erste Artikel

Der chilenische Verfassungskonvent hat nach sechsmonatiger Arbeit die ersten Artikel für die neue Verfassung beschlossen. Kaum vorgelegt, sorgen die Entwürfe für Aufregung, ist doch von Justizsystemen die Rede. Die Mapuche beispielsweise drängen auf ihre autonome Gerichtsbarkeit. Der Konvent scheint das selbstgesetzte Ziel anzustreben, die Plurinationalität und damit die Anerkennung der Ureinwohner.

Zensus: 2014

Von Jan Diedrichsen

Wladimir Putin erklärte in seiner Rede zur Annexion der Krim im März 2014: „Millionen von Menschen gingen in einem Land zu Bett und wachten in verschiedenen Ländern auf [nach dem Zusammenbruch der UdSSR] und wurden über Nacht zu ethnischen Minderheiten in ehemaligen Unionsrepubliken, während die russische Nation zu einer der größten, wenn nicht sogar zur größten ethnischen Gruppe der Welt wurde, die durch Grenzen geteilt ist.“ Den Untergang der Sowjetunion interpretiert Putin bekanntlich als „Tragödie“. „Das, was wir uns in 1000 Jahren erarbeitet haben, war zu einem bedeutenden Teil verloren“, meint er mit Blick auf das russische Imperium, aus dem nach der Oktoberrevolution von 1917 fünf Jahre später die Sowjetunion mit ihren 15 Republiken hervorging und die mit deren Untergang zusammenbrach.

Die russischen Nationalitäten in den ehemaligen Sowjetrepubliken leben jedoch teilweise seit Jahrhunderten, weit vor der Gründung der Sowjetunion in ihren Gebieten. Im 19. Jahrhundert kamen beispielsweise die Kosaken in Nordkasachstan und Ostkirgisistan an, gefolgt von zaristischen Kolonisatoren. Der russische Kolonialismus wird in diesem Zusammenhang in der offiziellen Lesart der Geschichte gern ausgespart und ist auch im Westen eher unbekannt.

Putin wird nicht müde auf die „heilige Aufgabe“ hinzuweisen, die Interessen aller Russen weltweit zu verteidigen. Die Situation der ethnischen Russen auf der Krim, im Donbass, in Abchasien, in Ossetien – sie alle wurden auch als Grund für das militärische Eingreifen Russlands angeführt.

In Kasachstan, den baltischen Staaten, Belarus und der Ukraine bilden ethnische Russen die größten Minderheitengruppen. Die Ausgangsbedingungen sind jedoch je nach Land, in dem sie leben, unterschiedlich. Die baltischen Staaten stehen unter dem Schutz der EU und der NATO. Die Ukraine befindet sich im Krieg mit Russland. Kasachstan und Belarus sind im Moment die engsten Verbündeten Russlands in der Region.

Nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim haben viele Experten vorausgesagt, dass Kasachstan die nächste Region sein würde, die Russland militärisch an sich bindet. Die Russen sind die größte ethnische Gruppe in Kasachstan und machen etwa 20 % der Gesamtbevölkerung aus.

Die Beziehungen Russlands zu den zentralasiatischen Staaten an seinen südlichen Grenzen waren vom Gedanken des Kolonialismus beherrscht. Jahrhundertelang galt die Region als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, als eine Art „Wilder Osten“, der gezähmt und zivilisiert werden sollte. Viele Russen kennen die Region aus dem äußerst populären Film Weiße Sonne der Wüste von 1969, in dem Truppen der Roten Armee im Bürgerkrieg in Cowboy- und Indianer-Manier gegen einheimische Banditen in den Sanddünen der Kara-Kum kämpfen.

Russen haben sich seit Jahrhunderten in den verschiedenen benachbarten Regionen niedergelassen, und während der Sowjetära zog es Millionen von ihnen in die neuen Republiken, um in den Fabriken zu arbeiten und die Landwirtschaft zu entwickeln.

Die meisten sahen sich als Bürger einer größeren, sowjetischen Heimat und nicht als die künstlich geschaffenen Staaten, die aus dem komplexen ethnischen Flickenteppich der Region entstanden waren. Für einige Sowjetrussen war die Auswanderung kaum mehr als ein Wohnungswechsel. Doch seit der Unabhängigkeit im Jahr 1991 hat sich dies geändert. Ethnische Russen fanden sich als Minderheit in Ländern wieder, die ihnen kulturell, religiös und gesellschaftlich fremd waren. Nach der Auflösung der Sowjetunion (UdSSR) im Dezember 1991 lebten etwa 25 Millionen ethnische Russen in den postsowjetischen Staaten außerhalb Russlands.

Nach den aktuellen Zensusangaben lebt die größten ethnischen russischen Diaspora-Populationen außerhalb Russlands in der Ukraine (ca. 8 Millionen), Kasachstan (ca. 3,8 Millionen), Weißrussland (ca. 780.000), Usbekistan (ca. 650.000) Kirgisistan (ca. 360.000) und Lettland (ca. 556.422).

Der Rückgang der Zahl der ethnischen Russen hält in den Nachbarländern weiter an. Diese Abwanderung erreichte in den 1990er Jahren ihren Höhepunkt, als die krisengebeutelten Regionen vom Zusammenbruch der sowjetische Planwirtschaft besonders hart getroffen wurden.