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By Masalai at English Wikipedia, CC BY-SA 3.0,

Thomas Benedikter, Sozialwissenschaftler aus Bozen, hat in seinem Buch „100 Jahre Territorialautonomie – Autonomie weltweit“ die Autonomiebestimmungen und historischen Entwicklungen in Neukaledonien analysiert.

Als VOICES-Experte erläutert er die Hintergründe:


Thomas Benedikter bei VOICES:

HINTERGRUND von Thomas Benedikter: Autonomie und Unabhängigkeitsreferendum in Ozeanien – Neukaledonien

HINTERGRUND von Thomas Benedikter: Ein Staat bietet Autonomie – Marokko und die Westsahara (Teil 1)

HINTERGRUND von Thomas Benedikter: Ein Staat bietet Autonomie – Marokko und die Westsahara (Teil 2)

HINTERGRUND von Thomas Benedikter: Ambazonien-Krise. Autonomie für den anglophonen Nordwesten Kameruns?

Podcast – Thomas Benedikter – Autonomie Ist Machbar (Teil 1)

Podcast – Thomas Benedikter – Autonomie Ist Machbar (Teil 2)

Podcast – Thomas Benedikter – Autonomie Ist Machbar (Teil 3)

Podcast – Thomas Benedikter – Autonomie Ist Machbar (Teil 4)

 

Von Thomas Benedikter

Zwei große Inseln in Ozeanien haben in den letzten Jahrzehnten Territorialautonomie genossen: zum einen Bougainville, das zu Papua-Neuguinea gehört; zum anderen die französische „Kollektivität sui generis“ Neukaledonien. Der französische Staat vermeidet tunlichst den Begriff „Autonomie“. Auf beiden Inseln hatten jahrelang Befreiungsfronten gewaltsam für die Unabhängigkeit gekämpft. Beiden Gebieten war daraufhin vertraglich Territorialautonomie als Übergangslösung eingeräumt worden. Vor kurzem konnte die Wählerschaft dieser Inseln in freier Volksabstimmung über den zukünftigen politischen Status entscheiden. Das Ergebnis war unterschiedlich.

Bougainville – Territorialautonomie hat die Menschen nicht überzeugt

Vom 23. November bis zum 7. Dezember 2019 konnten sich die Bougainviller zwischen einer erweiterten Autonomie und vollständiger Unabhängigkeit von Papua-Neuguinea entscheiden. Bei einer Beteiligung von 87,5% sprachen sich 97,7% für die vollständige Unabhängigkeit aus. Die Volksabstimmung war einer der drei Pfeiler des „Bougainville Friedensabkommens“ von 2001, das den von 1988 bis 1998 dauernden Krieg beendet hatte. Im Januar 1998 wurde in Neuseeland ein vorläufiges Friedensabkommen unterzeichnet, nachdem zwischen 15.000 und 20.000 Menschen der Gewalt zum Opfer gefallen waren. Dem folgte 2001 das endgültige Friedensabkommen, in dem Bougainville zur autonomen Provinz innerhalb Papua-Neuguineas erklärt wurde. Am 20. Mai 2005 wurden erstmals Wahlen zu einer autonomen Provinzversammlung abgehalten. Das Autonomiestatut von 2001 ist allerdings nicht vollständig umgesetzt worden.

 

 VOICES berichtete

Ophir: Revolution in Bougainville

 

Die Insel Bougainville, mit einigen dazugehörigen kleineren Inseln so groß wie Kreta mit rund 250.000 Einwohnern, liegt rund 1.000 Kilometer östlich von Port Moresby, der Hauptstadt von Papua-Neuguinea. Die kulturelle Identität Bougainvilles ist eindeutig melanesisch geprägt, doch gibt es eine Reihe verschiedener Ethnien mit insgesamt 19 Sprachen. Bougainville wurde erst relativ spät kolonisiert. Anfänglich unter britisch-australischem Einfluss fiel Bougainville im späten 19. Jahrhundert an Deutschland. Nach Ende des 1. Weltkriegs wurde Bougainville zum Treuhandgebiet Australiens, das die Insel als eine Art Hinterhof behandelte. Trotz des Kolonialregimes entwickelte sich in der indigenen Bevölkerung dank besserer Bildungsmöglichkeiten eine kleine politische Elite. Bereits vor der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 hatten einige Vereinigungen auf Bougainville die Selbstbestimmung verlangt. Man wollte in den Dorfgemeinschaften völlige Selbstverwaltung, Steuerbefreiung und eine Rückkehr zu den traditionellen Führungsstrukturen erreichen. So bildete sich eine politische Bewegung für Autonomie heraus. Doch trotz seiner engen geschichtlichen und kulturellen Verbindungen zu den benachbarten Solomon-Inseln wurde Bougainville zu PNG geschlagen, als dieses Land 1975 unabhängig wurde.

Inzwischen sind Verhandlungen über die Loslösung von Bougainville von Papua- Neuguinea in die Wege geleitet worden. Doch Papua-Neuguinea drängt auf mehr Zeit. Trotz des klaren Ergebnisses ist Papua-Neuguinea nicht verpflichtet, Bougainville sofort in die Unabhängigkeit zu entlassen. Das letzte Wort liegt beim Parlament von Papua-Neuguinea, das die Unabhängigkeit ratifizieren muss. Man sprach sogar von einer fünfjährigen Übergangsfrist bis zur Ausrufung der neuen Republik. Die Insel muss vor allem Lösungen finden, um finanziell und wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Bisher bezog die Autonome Region 80% ihrer Einnahmen vom Staat.

Nun steht Bougainville vor der Entscheidung, sich neue Einnahmenquellen zu erschließen, wie z.B. die Wiedereröffnung der riesigen Kupfer- und Goldmine Panguna. Genau dieses Bergwerk hatte in Vergangenheit schwerste ökologische, soziale und wirtschaftliche Schäden angerichtet und den Konflikt zwischen Bougainville und Papua-Neuguinea befeuert. Die Mine war von 1972 bis 1989 vom angloaustralischen Bergbaukonzern Rio Tinto betrieben worden und hatte Papua-Neuguinea beträchtliche Einnahmen verschafft. Die meisten Arbeitsplätze waren von Papuanern von der Hauptinsel besetzt worden. Über eine Million Tonnen Abraummaterial war in die Flüsse von Bougainville geleitet worden mit verheerenden Folgen für die Gesundheit der Anwohner, die kaum mehr Trinkwasser hatten. Rio Tinto ließ die Insel großflächig abholzen, dadurch ausgelöste Schlammlawinen begruben ganze Siedlungen. Die Umweltschäden, nie geleistete Entschädigungszahlungen und die Diskriminierung der Einheimischen führten zum zehnjährigen bewaffneten Aufstand Bougainvilles.

Nun erwägt die Regierung von Bougainville, den Kupfer- und Goldabbau wieder zu öffnen. Die Kupfer- und Goldvorkommen sollen viele Milliarden Dollar wert sein. Dies hat Begehrlichkeiten sowohl auf der Insel wie bei verschiedenen ausländischen Bergbauunternehmen geweckt. Doch für viele Inselbewohner steht Panguna immer noch für Krieg und die schlimmste Umweltkatastrophe seit Menschengedenken. Und längst nicht alle Grundeigentümer sind mit der Wiedereröffnung der Panguna-Mine einverstanden. Nun wird erwogen, ob der „melanesische Weg“ bevorzugt werden sollte, nämlich eine Mischung aus Konsultation, Verhandlung und Konsenssuche. Die voraussichtlich längere Übergangsphase bis zur Unabhängigkeit Bougainvilles bedarf großen politischen Geschicks.