Taliban an der Macht – Die Islamo-Faschisten haben den Westen besiegt

Von Wolfgang Mayr

Die GfbV engagierte sich seit den 80er Jahren für die Opfer des Krieges in Afghanistan. Ein Blick zurück, wie die GfbV versucht hatte, auch Sprachrohr für unbequeme afghanische Stimmen zu sein. Ein Blick ins GfbV-Archiv:

  • In den 80er Jahren machte die GfbV auf das Völkermordverbrechen der sowjetischen Angreifer aufmerksam, dem eine Million Afghanen zum Opfer fielen. Vier Millionen Menschen flüchteten ins Ausland. In den Jahren nach dem Rückzug der sowjetischen Armee warnten wir vor der einseitigen Aufrüstung der extremistischen Taliban durch westliche Länder und arabische Diktaturen und informierten über Massaker an Tausenden Hazara, einer zwei Millionen Menschen zählenden mongolischen Volksgruppe in Zentralafghanistan.
  • Die Taliban entstanden – unter pakistanischer Schirmherrschaft – als ein Instrument, in Afghanistan die Ordnung wieder herzustellen. Auch die USA unterstützten die Taliban, mit ökonomischen Hintergedanken: 1995 schloss die US-Ölfirma Unocal mit den Taliban einen Vertrag über den Bau einer Erdgaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan.
    Damit Afghanistan Frieden findet, müssen nicht nur Osama bin Laden und seine Leute verschwinden. Vielmehr müssen auch die Taliban gestürzt werden. Allerdings hat auch die „Nordallianz“, in der sich Gegner der Taliban zusammengeschlossen haben, und die durch die amerikanischen Militäraktionen begünstigt wird, in den letzten Jahren schwere Menschenrechtsverletzungen begangen. Für einen demokratischen Wiederaufbau muss deshalb unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen eine neue Nationalversammlung („Loya Jirgah“) mit Vertretern von allen ethnischen und religiösen Gruppen einberufen werden.
  • „Nur mit uns Frauen ist der materielle und ideelle Wiederaufbau Afghanistans möglich!“ Mit diesen Worten wandte sich die afghanische Ärztin und Menschenrechtlerin Sima Samar am 23. Oktober 2001 an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments in Strass Sima Samar ließ keinen Zweifel daran, dass die radikal-islamische Diktatur der Taliban bald einer demokratischen Regierung unter Einschluss aller ethnischen, religiösen und sozialen Gruppen Platz machen muss. In einer solchen Regierung dürften nicht wieder dieselben Mudschaheddin und Mullahs dominieren, die Afghanistan in die Katastrophe geführt haben. Zugleich warnte Sima Samar die USA und ihre europäischen Verbündeten davor, dass jede – auch unbeabsichtigte – Bombardierung von Zivilisten die Taliban stärken könnte, zitierte Andreas Selmeci in „pogrom“ die Frauen- und Menschenrechtlerin Sima Samar.
  • Den afghanischen Frauen und Mädchen bringt der Sieg der Radikalfundamentalisten die völlige Entrechtung. “Kein Regime, das Frauen behandelt wie die Taleban es tun, darf in der Weltgemeinschaft der Nationen Platz finden”, sagte Radhika Coomaraswamy, Sonderberichterstatterin der Menschenrechtskommission zum Thema “Gewalt gegen Frauen”. Sie hatte sich im Herbst 1999 in Pakistan und Afghanistan aufgehalten. Ihr Bericht bestätigte,dass afghanische Frauen und Mädchen zahlreichen Diskriminierungen und Gewalttaten ausgesetzt sind. Frauen sind auf offener Straße geschlagen worden, weil sie gegen eine der zahlreichen Anordnungen verstoßen haben. Bis ins kleinste Detail reglementieren die Behörden das Verhalten der Frauen: So sollen sie keine Absätze tragen, damit sie beim Gehen keine Geräusche machen. “Unzucht” wird mit öffentlicher Auspeitschung bestraft: Im Februar 1998 erhielt eine Frau vor 30.000 Zuschauern im Olympiastadion in Kabul hundert Peitschenhiebe wegen angeblichen Ehebruchs. Im schlimmsten Fall droht den Frauen die Todesstrafe durch Steinigung. Zwangsheirat, Frauenhandel und Prostitution sind auch unter der Herrschaft der Taleban verbreitet. “Es gibt zu viele Frauen in Kabul”, sagt ein Händler aus einer Stadt im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. “Pakistanis kommen hierher und zahlen 90.000 Rupies (ungefähr 1800 Dollar) für Frauen aus Kabul. Die Frauen meinen, sie bekommen einen Ehemann, aber die Pakistanis wollen sie nur für ein paar Monate zum Vergnügen.”

Viele Frauen sind verzweifelt, weil sie nicht mehr wissen, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollen. Allein in Kabul gibt es mehrere zehntausend Witwen, die zu Alleinernährerinnen der Familie wurden. Angetreten mit dem Anspruch, den Afghaninnen “ihre Würde zurückzugeben”, haben die Taleban es geschafft, Frauen zum Betteln auf die Straße zu schicken. Einige der wenigen Arbeitsmöglichkeiten sind die Projekte verschiedener ausländischer Hilfsorganisationen, die aber jederzeit geschlossen werden könne, so geschehen mit den Bäckereien. Manche der ehemaligen Lehrerinnen arbeiten in privaten Heimschulen für Mädchen, die mal geduldet dann wieder verboten werden. Eine gefährliche Beschäftigung, denn solche Schulen sind illegal. Der einzige Bereich, in dem Frauen eigentlich noch arbeiten dürfen, ist der Gesundheitsbereich. Aber das sowieso nur rudimentäre Gesundheitswesen steht noch weniger den Frauen zur Verfügung: Es gib zu wenig Ärztinnen, und Frauen dürfen nur von Frauen behandelt werden.

Nicht legal sind auch Frauenorganisationen, die offiziell nur noch im pakistanischen Exil tätig sein können, von wo aus sie versuchen, die Weltöffentlichkeit über das Leben im Land der Taleban zu informieren. Sie sind es auch, die versuchen, wenigstens einem kleinen Teil der Flüchtlingsmädchen und -frauen Bildung und Gesundheitsfürsorge zu ermöglichen, – unter Gefährdung ihres Lebens, sind doch gerade in jüngster Zeit wieder mehrere afghanische Oppositionelle auf pakistanischem Boden ermordet worden.

aus Eine Welt Presse, Nr. 1/17, 2000. Hrsg. von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen.

  • Der Westen existiert nicht

Michael Pohly im Gespräch mit „pogrom“ über die Kumpanei des Westens mit den islamistischen warlords

bedrohte Völker: Sie haben die zivile Gesellschaft zitiert. Haben die Überreste dieser zivilen Gesellschafen irgendwelche Einfluss-Chancen?

Michael Pohly: Es gibt Spuren einer zivilen Gesellschaft, sie hat durchaus Einfluss in den verschiedensten Bereichen. Offiziell jedoch nicht. Sie werden bei ihrer Arbeit behindert, verfolgt, schlichtweg gibt es keine Regelung oder Vorschriften, Gesetze, die ihnen Rechte garantieren. In den Provinzen sind sie gänzlich von der Willkür der Warlords abhängig.

bedrohte Völker: Warum nimmt die Anti-Terror-Allianz von der zivilen Gesellschaft keine Notiz?

Michael Pohly: Die USA haben ihr eigenes Programm. Sie sprechen mit niemandem darüber, selbst die Isaf erfährt nichts von den Aktionen der USA. Diese wiederum nehmen von der Zivilgesellschaft keine Notiz. Es sind einfach zwei verschieden Bereiche, die nicht miteinander verflochten werden.

bedrohte Völker: Schon in Bosnien und im Kosovo hatte der Westen kein politisches Konzept – wie Rückkehr der Vertriebenen, Garantie des Multi-Ethnischen, usw. Diese Konzeptionslosigkeit gilt wohl auch für Afghanistan?

Michael Pohly: Der Westen existiert in der Form nicht. Wie erwähnt, verfolgen die USA ihr eigenes Konzept und setzen auf Leute, die sie an die Macht bringen. Ihr Interesse ist klar. Präsenz vor Ort, Sicherung der Ressourcen, Bau der Pipeline (Gas evtl. Öl), Eindämmung des russischen Einflusses, des chinesischen und des iranischen. Die Flüchtlingslager werden planlos aufgelöst; es gibt nahezu keine Möglichkeiten, für diese in ihre alten Dörfer zurückzukehren, da dort keine Aufbaumaßnahmen vorgenommen wurden. Dies betrifft nicht nur Paschtunen, sondern auch Panjshiris, Usbeken u.a. Viele Panjshiris, die vor Masud und den Taliban geflohen sind, dürfen nicht zurück, weil die herrschende Clique fürchtet, dass sie in den eigenen Dörfern an Einfluss verliert, wenn diese zurückkehren. Deshalb werden viele in sogenannten Auffanglagern untergebracht. Einige stranden auch in Kabul. Spätestens im Winter werden die erst kürzlich aufgelösten Flüchtlingslager z.B. in Herat sich wieder füllen, da die Menschen jetzt schon keine Möglichkeit haben, sich „zuhause“ zu versorgen.

Zur Person: Michael Pohly eröffnete in Kabul ein Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er versuchte die demokratischen Organisationen zusammenzubringen. Das Büro der Ebert-Stiftung nahm unter der Leitung von Pohly Kontakte zu den Stammesvertretungen auf. Ziel war es, die einzelnen Räte zu verbinden. Von den 41 unabhängigen jirgas haben sich 34 zusammengeschlossen. Die Ebert-Stiftung betreute außerdem die erste unabhängige Frauenkonferenz. Pohly veröffentlichte mit dem Islam-Forscher Khalid Duran das Buch „Nach den Taliban – Afghanistan zwischen internationalen Machtinteressen und demokratischer Erneuerung“.

Aus pogrom 215 (5/2002)

 

 

 

 

 

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