Romani Rose: „Wir werden als Fremde wahrgenommen“

(c) Zentralrat Sinti und Roma

 

Von Jan Diedrichsen

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland, wird deutlich: „Wir werden in Deutschland in der Gesellschaft noch immer als Fremde wahrgenommen. Dabei sind wir in erster Linie Deutsche und das seit 600 Jahren.“ Gesagt hat Romani Rose, Beirats- und Ehrenmitglied der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), dies in der Bundespressekonferenz, im Beisein des Bundesinnenministers Horst Seehofer (CSU). Anlass des Treffens war die Vorstellung des Gutachtens einer von der Bundesregierung eingesetzten Expertenkommission, die den Antiziganismus in Deutschland analysiert hat.

Beispiele für den latenten Antiziganismus der Gesellschaft nennt Rose ebenfalls (hier die gesamte PK bei phoenix im Video). So habe man kürzlich erfahren müssen, dass eine Bremische Wohnungsbaugesellschaft die interne Order erlassen habe, nicht an Sinti und Roma zu vermieten. Ferner verwies Rose auf die kürzlich gemachten Äußerungen einer TV-Moderatorin, die vom „Zigeunerleben“ schwadroniert hatte. Klischees und Stereotypen gelte es immer deutlich zu benennen. Es gebe in der deutschen Mehrheitsgesellschaft fest verankerte Vorurteile über Sinti und Roma. Es müsse enorm viel Aufklärungsarbeit geleistet sowie konsequent gegen sämtliche Diskriminierung vorgegangen werden. Kein Pardon beim Antiziganismus, muss das Motto lauten!

Rose warnt jedoch davor, die Prioritäten im Blick zu halten. 90% der Sinti und Roma in Deutschland wurden Opfer der Nazi-Diktatur. Beim heutigen Kampf für die Gleichberechtigung der Sinti und Roma in Deutschland dürfe man sich nicht verkämpfen: „Um es in aller Deutlichkeit zu sagen, das Gedenken an die Opfer des Völkermordes ist was völlig anderes, als der Streit um Zigeunersauce oder den Zigeunerbaron von Johann Strauss“, so Rose, der darin ein „ins lächerliche Ziehens, oftmals massiver Diskriminierung“ erkennt.

Die Politik sei viel weiter, als große Teile der Gesellschaft, in der die Vorurteile und Stereotypen noch fest verankert sind. Erstmals in der 600-jährigen deutschen Geschichte der Sinti und Roma gibt es einen solchen umfassenden Zustandsrapport zu antiziganistischen Einstellungen in der Gesellschaft. Die Kommission hat 60 Handlungsempfehlungen und sechs konkrete Forderungen formuliert, die nun von den betroffenen Ressorts der Bundesregierung geprüft werden.

Romani Rose fordert einen Staatsvertrag zwischen der Bundesregierung und dem Zentralrat der Sinti und Roma. Weiter wird in dem Bericht die Einsetzung eines Beauftragten gegen Antiziganismus vorgeschlagen.

Das Bundeskabinett hat den Bericht bereits im Mai 2021 zur Kenntnis genommen. Bundesminister Seehofer zeigte bei der Bundespressekonferenz Unterstützung für sowohl die Forderung nach einem Beauftragten sowie einem Staatsvertrag. Doch entscheiden werden andere: vor den September-Wahlen wird nichts mehr geschehen. Es gilt also die Parteien bei den bevorstehenden Koalitionsverhandlungen auf die Empfehlungen des Berichtes zu verpflichten.

Weitere Informationen:

Antiziganismus-Bericht für Deutschland: Sechzig Handlungsempfehlungen

UKA-Bericht: 800 Seiten über Antiziganismus in Deutschland

Kommission fordert Antiziganismus-Beauftragten

Die Gesellschaft für bedrohte Völker verbindet mit dem Zentralrat der Sinti und Roma und Romani Rose ein lange, enge Verbinndung: – Die GfbV hat gemeinsam mit Romani Rose und anderen Bürgerrechtlern das Verschweigen des Völkermords an Sinti und Roma durch Medien, Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Regierungen in Deutschland mit einer Dokumentation („In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt – zur Situation der Sinti und Roma in Deutschland und Europa“, 1973),  einer Gedenkfeier im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen (27.10.1979) und dem 3.Weltkongress der Roma in Göttingen erstmals durchbrochen.

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