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Von Tjan Zaotschnaja

Aleksandr Sokurow, bekannter Regisseur und Drehbuchautor, hat während der Dezember-Tagung des Menschenrechtsrates der Russischen Föderation einen Brief von den BewohnerInnen des wotischen (russisch: Wod’ oder Wozhanen) Dorfes Luzhitsy an Vladimir Putin verlesen:

„Sehr geehrter Wladimir Wladimirowitsch, wir, die einfachen Bewohner des alten wodischen Dorfes Luzhitsy, Kreis Kingisepp, Gebiet Leningrad, appellieren an Sie, unser einzigartiges Dorf, das in diesem Jahr 521 Jahre alt geworden ist, zu erhalten. Dies ist der einzige Ort auf der Welt, an dem noch Woten – Ureinwohner des Nordwestens von Russland – kompakt siedelnd leben. Es gibt nur noch 40 von uns, die wir unsere alte Kultur und Sprache bewahrt haben. Seit ewigen Zeiten haben die Woten die Grenzen Russlands bewacht und Russland dabei nie verraten. Kein einziger Wote blieb in Finnland, wohin sie während des Zweiten Weltkriegs gewaltsam vertrieben wurden.

Derzeit ist ein Verkehrsknotenpunkt im Dorf Luschitzy sowie der Bau eines Gasverarbeitungskomplexes durch RusChimAlliance geplant. Das Schiffsholz wurde bereits einen Meter vom Friedhof des Dorfes entfernt abgeholzt. Der Friedhof ist 500 Jahre alt. Im Dorf leben noch immer Menschen, die die Schrecken der Lager in Estland überlebt haben, wohin die Einwohner in der Geschichte ebenfalls verbannt wurden.

Um die Ehre Russlands zu bewahren und die Sicherheit der Einwohner zu gewährleisten, bitten wir Sie, den Verkehrsknotenpunkt vom jetzigen Friedhof, außerhalb des Dorfes Luzhitsy zu verlegen, zumal es eine solche technische Möglichkeit durchaus gibt.“

Der Regisseur und Autor Aleksandr Sokurow wendet sich nach der Verlesung des Briefes ebenfalls direkt an Putin: „Ich stütze mich auf die russische Verfassung, die uns den Kampf um den Erhalt kleiner Volksgruppen garantiert. Vor allem von den Volksgruppen, die im Nordwesten des Landes leben. Ich weiß nicht, wie die Verwaltung des Leningrader Gebiets darüber denkt, denn trotz aller Appelle der Einwohner von Luzhitsy gibt es keine Antwort. Meiner Meinung nach ist dies eine ernsthafte verfassungsrechtliche Frage. Und muss im Zusammenhang mit den Menschenrechten betrachtet werden. In diesem Sinne bin ich der Auffassung, dass wir uns mit Blick auf diese Situation in einer Verfassungskrise befinden.“

Hintergrund:

Am 9. November 2021 genehmigte die Bezirksverwaltung von Kingisepp einen Antrag an das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung zur Etablierung einer Sonderwirtschaftszone auf dem Gebiet der Siedlung Ust-Luga.

Dort ist die größte Gasaufbereitungsanlage Russlands und damit eine der leistungsstärksten der Welt geplant. Das Projekt wird von RusChimAlliance durchgeführt, die Gazprom und RusGasDobycha gehört.

Es wurde bereits mit dem Bau einer Zufahrtstraße für LKWs begonnen. Die einzige Straße des Dorfes, der Fluss Luzhitsa und die Brücke über ihn, sind von den Bauarbeiten betroffen. Vor allem jedoch das Gebiet in der Nähe des alten Friedhofs des Dorfes. Der Wald wurde in unmittelbarer Nähe der Friedhofsgräber abgeholzt, das Wasser des Flusses hat sich von klar in schlammig und sandig verwandelt.

 

Weitere Informationen

RG München der GfbV hat 2017 eine Radiosendung beim Radio LORA München: „Die Woten und die Ischoren im Leningrader Gebiet“ gemacht.

GfbV zum Thema im pogrom-bedrohte Völker, Nr. 4 / 2019„Kleine indigene Völker im Baltikum fürchten Pipeline-Bau“, von Ulrich Delius, S. 26-27.