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Von Jan Diedrichsen

Wer Vielfalt sucht, findet sie in vielen Schattierungen. Die deutschen Minderheiten in Europa und in Zentralasien sind ein gutes Beispiel. In einem neuen, den Deutschen in Kasachstan gewidmeten Film zeigt sich diese Vielfalt in Geschichte und Gegenwart.

Doch wo kommen die heute geschätzten 500.000 Deutsche in Kasachstan her?

Ein lesenswertes Dossier hat die Bundeszentrale für politische Bildung durch Dr. Alfred Eisfeld angelegt, der 1951 in der Siedlung Uwa, ASSR Udmurtien geboren wurde: 

Die Anzahl und die Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung haben sich in Kasachstan während der Kriegsjahre 1941-1945 grundlegend verändert. Bereits vor dieser Zeit lebten in Kasachstan über 92.000 „ortsansässige Deutschen“. Sie waren Nachfahren von freiwilligen Umsiedlern aus der Zeit der Jahrhundertwende, Hungerflüchtlingen der 1920er-Jahre aus der Wolgaregion, verbannte und enteignete Bauern aus der Ukraine, dem Nordkaukasus und aus der Wolgaregion sowie Bauern, die aus Wolhynien und grenznahen Landkreisen der Südukraine in den Jahren 1936-1938 deportiert worden waren. Während des Zweiten Weltkrieges kamen mehr als 444.000 deportierte Deutsche hinzu. In der sowjetischen Amtssprache nannte man sie „Sonderumsiedler“. Dadurch erreichte die deutsche Bevölkerung in Kasachstan 1945 eine Gesamtzahl von über 500.000 Personen.

Im vorliegenden Film wird häufig Bezug genommen auf den „großen Sohn der Deutschen in Kasachstan“, den russlanddeutschen Schriftsteller, Publizisten, Kritiker und Übersetzer Herold Belger, der 2015 im Alter von 80 Jahren verstarb. Wer mehr wissen will über die deutsche Vielfalt, die bis nach Kasachstan greift und mit so tragischen Schicksalen verknüpft ist, sollte mit dem Roman „Das Haus der Heimatlosen“ von Belger beginnen.Der Leser erhält einen autobiographisch gefärbten, eindringlichen Blick auf das „unbekannte Kapitel der Russlanddeutschen“, das 500.000 Deutsche nach Kasachstan führte.

Kurz nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 gab Stalin den Befehl zur Aussiedlung der sog. Volksdeutschen – vor allem aus der ehemaligen Wolgarepublik – nach Kasachstan und nach Sibirien. Sie mussten ihre Heimat unter dramatischen Umständen verlassen. Sie wurden über Nacht zu den Transporten getrieben. Man nahm ihnen Besitz und Papiere ab, schickte sie in Arbeitslager und in entlegene Orte der Verbannung, über diese Verbrechen berichtet Belger eindrucksvoll in seinen Büchern.

Die Russlanddeutschen büßten sozusagen für die Gräuel der Nazis mit ihrer Deportation. Selbst nach Stalins Tod 1953 durften die Vertriebenen nicht zurückkehren in die Regionen, in denen ihre Vorfahren teilweise seit dem 18.Jahrhundert gelebt hatten. Viele von ihnen blieben gezwungenermaßen in Kasachstan oder in Sibirien und bauten sich dort ein neues Leben auf.