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„Jesiden in der Sindschar-Region auf der Flucht: Machtpolitik auf dem Rücken der Bevölkerung“

VOICES-Kolumne im "Der Nordschleswiger": Aktuell spielt sich – weitestgehend von der Weltöffentlichkeit unbeobachtet – ein Drama ab, das schlimmste Erinnerungen an das Jahr 2014 weckt. Tausende Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden sind zum Spielball internationaler sowie regionaler Interessen geworden und fürchten um ihr Leben, schreibt Jan Diedrichsen in seiner Kolumne.

Krimtatare inhaftiert, weil er die Wahrheit über den Krieg berichtet

Viele Krimtataren haben bereits nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine im Jahr 2014 und die Besatzung der Krim ihre Heimat verlassen. Die GfbV hat in der Zeit der beginnenden russischen Aggression intensiv das Schicksal der Krimtataren begleitet. Heute sind die Krimtataren beinah gänzlich aus dem Fokus verschwunden Der Druck auf die verbliebenden politischen Akteure bleibt jedoch enorm.

Der chilenische Verfassungskonvent beschließt erste Artikel

Der chilenische Verfassungskonvent hat nach sechsmonatiger Arbeit die ersten Artikel für die neue Verfassung beschlossen. Kaum vorgelegt, sorgen die Entwürfe für Aufregung, ist doch von Justizsystemen die Rede. Die Mapuche beispielsweise drängen auf ihre autonome Gerichtsbarkeit. Der Konvent scheint das selbstgesetzte Ziel anzustreben, die Plurinationalität und damit die Anerkennung der Ureinwohner.

Von Hajotthu, CC BY-SA 3.0,

Erschienen als Kolumne VOICES – MINDERHEITEN WELTWEIT im „Der Nordschleswiger“ 

Von Jan Diedrichsen

Es gibt Erlebnisse, die sich erst später im Leben als bedeutsam für die eigene Entwicklung erweisen. Für mich waren dies zwei Reisen nach Tansania, nach Marangu am Fuße des Kilimandscharo. Ermöglicht wurde dies durch die Nordschleswigsche Gemeinde, der Gemeinde Buhrkall und Günther Barten. Die Reisen liegen mittlerweile (dies klingt beim Schreiben doch etwas befremdlich) Jahrzehnte zurück.

Zwei prägende Reisen nach Afrika

Dass ich mich noch heute mit Minderheiten weltweit beschäftige, hängt auch mit diesen beiden Reisen zusammen: der Kilimandscharo, die Stadt Arusha (benannt nach einem Volk der Massai und seit 1995 der Sitz des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda zur Aufarbeitung des Völkermords 1994), Sansibar, die Serengeti, der Ngorongoro-Krater, Lake Chala …

Mein Tagebuch von damals setzt heute geduldiges Verständnis für den jungen Jan voraus: Zigarette rauchend, Bier trinkend im Kolonialbau des Marangu Hotel, unter dem großen Affenbrotbaum sitzend, Karen Blixen lesend und dabei „philosophierend“.

Viele der damaligen Erlebnisse und damit zusammenhängenden Erinnerungen sind wichtige Motoren gewesen. Menschenrechte und die Situation der Minderheiten weltweit, die oft katastrophalen Bedingungen kleiner und bedrohter Völker beschäftigen mich noch heute. Die Massai, ihren Riten und Mythen haben mich bereits in den 90er Jahren fasziniert, nachzulesen in meinem damaligen „Reisetagebuch“.

Massai sollen einem Tourismusprojekt weichen

Daher stimmt es mich traurig, wenn derzeit die Lage in der Region um Arusha für dramatische Meldungen sorgt. Den Massai soll (mal wieder) das Land geraubt werden, und sie wehren sich!

Mehr als 70.000 Massai laufen Gefahr, von ihrem angestammten Weideland vertrieben zu werden, um Platz für ein Tourismusprojekt zu schaffen. Bewaffnete Einheiten sind bereits im Juni erstmals in der Massai-Stadt Loliondo in der Region Arusha vorgerückt, um die Pläne der Behörden umzusetzen. Die Massai müssen weichen! Anfang Juni begannen mehrere Angehörige der Massai gegen die anstehende Vertreibung zu protestieren, was Regierungstruppen mit Gewalt beantworteten. Tränengas und Schusswaffen wurden eingesetzt. 25 Massai wurden verhaftet und mehrere verletzt. Aus Angst vor den Behörden flüchteten die zum Teil schwer verletzten Massai über die Grenze nach Kenia. Ein Angehöriger der Sicherheitskräfte kam bei den Unruhen ums Leben. Die verhafteten Massai sind wegen gemeinschaftlichen Mordes an einem Polizeibeamten angeklagt. Niemand weiß, wo die Festgenommenen sich derzeit aufhalten. Amnesty International ruft zur Freilassung der inhaftierten Massai auf.

Verfahren vor dem Ostafrikanischen Gerichtshof

Loliondo ist ein Bezirk im nördlichen Ngorongoro-Distrikt Tansanias, in der Region Arusha. Es grenzt im Westen an den Serengeti-Nationalpark, im Süden an das Ngorongoro-Schutzgebiet und im Norden an Kenia. Die Massai sollen, so die Regierung, trotz eines anhängigen Verfahrens vor dem Ostafrikanischen Gerichtshof weichen. Im Jahr 1992 verpachtete die tansanische Regierung die gesamte Loliondo-Region als Jagdgebiet an ein Unternehmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Dies ist bereits der vierte Versuch, die Massai von ihren Weideplätzen in Loliondo zu vertreiben. Die Sicherheitskräfte waren schon 2009, 2013 und 2017 angerückt und trafen auf erbitterten Widerstand. Am 25. September 2018 erließ der Ostafrikanische Gerichtshof eine Anordnung, die Vertreibung zu unterlassen und das Verfahren, das die Massai gegen den Staat angestrengt haben, abzuwarten. Das Gericht hat die Urteilsverkündung für den September 2022 angekündigt, die staatlichen Truppen wollen vorab vollendete Tatsachen schaffen. Die Massai wehren sich – die Welt nimmt nur wenig Notiz.