Namibia: “Unsere Toten zählen nicht” – Deutschlands koloniales Erbe  

Von Wolfgang Mayr

Mit dem Abkommen Deutschland-Namibia sollen die Nachfahren des kolonialen Völkermordes im ehemaligen Deutsch-Südwest-Afrika eine Wiedergutmachung erhalten. Eine Milliarde Euro. Wiedergutmachung?

Die GfbV fand die richtigen Worte dafür. Das Abkommen zwischen Deutschland und Namibia zur “Wiedergutmachung” des kolonialen Völkermorders an Herero und Nama ist ein Vorbeilavieren an der Verantwortung. Deutschland ignoriert die Nachkommen der damaligen Opfer. Genozid-Referentin Nadja Grossenbacher findet, im Abkommen fehlen die Begriffe Reparation und Genozid.

Seit den 1970er Jahren versuchte die GfbV (Namibia (gfbv.de) deutsche Regierungen dazu zu drängen, endlich Verantwortung für den Völkermord – begangen von deutschen kaiserlichen Truppen – zu übernehmen. Dieses Abkommen gibt es nun, eine Vereinbarung zwischen zwei Staaten. Namibia tat alles, um wirklich Betroffene von den Verhandlungen auszuschließen.

Das Paket ist geschnürt und wird trotz Kritik aus Namibia und Deutschland nicht mehr aufgeschnürt. Im Bundestag erklärte am 9. Juni 2021 Außenminister Heiko Maas, dass zusätzliche Verhandlungen  über die abgeschlossene Vereinbarung grundsätzlich auszuschließen sind.

Keine Nachbesserungen

Eine deutliche Ministerbotschaft nach Namibia, gerichtet an einige  Opferorganisationen und “Traditional Leaders” (Ovaherero Traditional Authority, Nama Traditional Leaders Association), die sich enttäuscht über die Vereinbarung und den gesamten Verhandlungsprozess geäußert haben. Gesine Krüger vom WissenschaftlerInnen-Forum “Geschichte der Gegenwart” analysierte das Zustandekommen dieses Abkommens. Sie wundert sich nicht über harsche Kritik der Betroffenen: “Teilweise geschah dies in scharfen Worten, die eine tiefe Verletzung ahnen lassen   …   Es geht um das Nachwirken einer kolonialen Erbschaft,   …   so ist doch die Anerkennung des Völkermordes an Nama, Herero und Damara nicht nur viel zu spät erfolgt, sondern geht auch mit einer Nichtanerkennung der gesamten kolonialen Erbschaft einher.”

Gravierend kommt hinzu, dass die deutschen Unterhändler mit der namibischen Regierung verhandelten, nicht aber mit den betroffenen Volksgruppen. Für die Ovaherero Genocide Foundation und andere Organisationen ist dies Teil des Problems. Nama, Damara und Herero sind Minderheiten im eigenen Land, das von den Ovambo dominiert wird. Die drei Volksgruppen waren die Opfer des kolonialen Völkermordes, ihre Vorfahren wurden vertrieben und enteignet. Die Verhandlungen führten aber Ovambo-Vertreter, von diesen fühlen sich viele Nachkommen der Überlebenden nicht vertreten, lassen die Wortmeldungen der National Unity Democracy, Landless People´ s Movement un der Independent Patriots for Change vermuten.

Ausgegrenzte Betroffene

Namibia der einstigen marxistischen Befreiungsbewegung Swapo gegen die südafrikanische Besatzungsmacht knüpfte dort, wo die Kolonialmächte aufgehört haben. Minderheiten werden, um es drastisch zu formulieren, auch von Befreiungsbewegungen der Mehrheiten nicht sonderlich ernst genommen.

Alle ehemaligen afrikanischen Kolonialstaaten verweigerten minderheitlichen Bevölkerungsgruppen Mitsprache und Teilhabe, schreibt Gesine Kürger auf “Geschichte der Gegenwart”. Schlimmer, ihre traditionellen Führungen wurden entmachtet. Namibia gewährte den traditonal leaders einen Platz in der Verfassung. Kulturelle Repräsentanten, aber keine Entscheidungsträger, findet Gesine Krüger. Dieser Definition und letztendlich politischen Ausgrenzung wiederspricht Vekuii Rukoro, Anwalt, Geschäftsmann und ehemaliges Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung.

Keine Geldsumme, wie hoch auch immer sie sein mag, kann das erlittene Leid wieder gutmachen. Darauf verweisen die traditional leaders. Die kaiserlichen Truppen aus Deutschland ermordeten 70.000 Hereros und Namas. Dafür zahlt Deutschland 1,1 Milliarden Euro, in den nächsten drei Jahrzehnten.

Im Herero-Land damals besetzten deutsche Siedler bestes Farmland. Dieses gestohlene Land blieb gestohlen, wurde nicht zurückerstattet. Die Landfrage blieb offen. Die Herero, Nama und Damara blieben landlos und wurden, wie angedeutet, zur Minderheit in der eigenen Heimat.

Mehr:

Unsere Toten zählen nicht. Deutschlands koloniales Erbe – Geschichte der Gegenwart

Anerkennung des Völkermords in Namibia – Außen- und Sicherheitspolitik | IPG Journal (ipg-journal.de)

Ovaherero Genocide Foundation | Official Website (ogfnamibia.org)

Namibia traditional states (worldstatesmen.org)

Paramount Chiefs of Botswana – THE AFRICAN ROYAL FAMILIES

OTA, NTLA, LPM, Nudo and IPC reiterate Joint Declaration rejection chorus | Windhoek Observer | News Stand (observer24.com.na)

Gedenken an Opfer der Kolonialzeit – Knochen statt Entschädigung (Archiv) (deutschlandfunk.de)

Anerkennung des Völkermords – Deutsches Abkommen mit Namibia: gut gemeint, falsch angepackt – News – SRF

Mai 2021 | Pressemitteilung: Genozid an den Hereros und Nama: Deutschlands „Versöhnungsabkommen“ mit Namibia trägt nicht zur Versöhnung mit den Opfern bei – genocide-namibia.net

Landless People’s Movement-Political Party Namibia – Political Party Namibia (lpmparty.org)

Independent Patriots for Change | Political Party | Namibia (ipc-namibia.com)

National Unity Democratic Organisation – Wikipedia

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