Marsch auf Moskau – Schamane versus Kreml

Medizinische Strafmaßnahmen gegen Aleksandr Gabyschew aus Jakutien

von Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert

Es könnte der Stoff für ein Drehbuch sein: Ein Schamane durchquert Sibirien, um dem Oberhaupt Russlands den bösen Geist auszutreiben, der jenen besetzt hat. In der Vorstellung vieler indigener Völker ist ein Mensch nicht mehr zurechnungsfähig und kann zur Gefahr für andere werden, wenn sein Gleichgewicht gestört ist, wenn dunkle Mächte sich seiner bemächtigen. In der russischen Machtzentrale wird Alarm geschlagen und eine Delegation wird ausgesandt, den Schamanen auszuschalten. Der Kreml duldet weder Kritik noch sibirische Rituale.

Der Film könnte längst gedreht werden: Im Frühjahr 2019 brach der jakutische Schamane Alexander Gabyschew zu einer Wanderung nach Moskau auf, um, wie er ankündigte „den russischen Präsidenten Wladimir Putin mit einem Ritual aus dem Kreml zu vertreiben“. Wir können annehmen, dass Gabyschew wusste, welche Reise er antrat. Er wurde von Unterstützern begleitet und hielt unterwegs mehrere Straßentreffen ab. An der Grenze zwischen Burjatien und der Region Irkutsk wurde er schließlich von sogenannten Spezialkräften festgenommen.

Die Anklage lautete auf „Anstiftung zum Extremismus“; es folgte eine psychiatrische Zwangsbehandlung bis Anfang 2021. Nach seiner Freilassung kehrte der Schamane jedoch nicht zurück in seine Heimat, sondern setzte seinen Marsch auf Moskau fort. Schamanen ändern durch fremde Mächte nie ihrer Pläne; dies war den russischen Machthabern nicht bekannt, im Kreml sitzen keine Ethnologen. Im Oktober 2021 wurde Alexander Gabyschew erneut in ein Krankenhaus zwangseingewiesen. Bei dieser Aktion traf sogar der stellvertretende Minister des jakutischen Innenministeriums ein; insgesamt waren 50 Personen an der zweiten Festnahme beteiligt.

Am 9. April 2022 wurde Alexander Gabyshew ins psychiatrischen Krankenahus nach Ussurijsk versetzt. Mittlerweile hat das Bezirksgericht von Ussurijsk in der Region Primorje die Zwangsbehandlung verlängert. Die Bedingungen der Zwangsbehandlung werden jedoch nicht vom Gericht festgelegt, sondern von medizinischen Kommissionen bestimmt. Sie müssen mindestens einmal alle sechs Monate stattfinden. Zuvor hatte die Kommission beschlossen, ihn in ein reguläres Krankenhaus zu verlegen, doch am 27. Juli 2022 teilte eine neue Kommission des Krankenhaus mit, sein Gesundheitszustand habe sich verschlechtert.

Gabyschews Anwalt Alexej Prjanischnikow erklärte gegenüber der Sibiri-Redaktion, dass sein Mandant über die Entscheidung deprimiert sei. „Offenbar hat jemand die erste angemessene Schlussfolgerung der Ärzte übersehen und ihn gezwungen, sie im Eiltempo zu ändern“, meinte der Anwalt.

Seit 2021 führt das Menschenrechtszentrum Memorial Gabyschew als politischen Gefangenen. Amnesty International hat den Schamanen als Gewissensgefangenen anerkannt und seine Freilassung gefordert. Die Organisation bezeichnete seine Zwangsbehandlung als „Strafpsychiatrie“.

https://www.sibreal.org/a/reshenie-o-perevode-yakutskogo-shamana-aleksandra-gabysheva-v-bolnitsu-obychnogo-tipa-vnezapno-zamenili-na-lechenie-v-psihbolnitse-spetstipa/31968539.html

https://gfbv-voices.org/aktuelle-sendung-der-gfbv-regionalgruppe-muenchen-bei-radio-lora-muenchen/

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