Living Diversity: Die Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten wirbt für den Erhalt der Sprachenvielfalt in der EU

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Von Wolfgang Mayr

Es ist kein Geheimnis. In vielen europäischen Staaten findet eine sprachliche Erosion statt. Immer mehr Minderheitensprachen schwächeln, der sprachliche Assimilierungsdruck wächst. Ohne Anerkennung der Minderheitensprachen sieht deren Zukunft düster aus. Auf ihrem Kongress in Trst/Trieste drängte die FUEN deshalb auf eine EU-Regelung. In fünf Resolutionen wiesen Mitglieder-Organisationen der FUEN auf die konkrete schwierige Lage vor Ort hin.

Die Resolutionen sprechen Klartext:

  • – zur Situation der Türken auf Rhodos, Kos und dem Dodekanes,
  • – zu den Verletzungen des Rechts auf Versammlungsfreiheit der türkischen Minderheit in Westthrakien durch Griechenland,
  • – zur Anerkennung der Karpaten-Russinen/Ruthenen als autochthone nationale Minderheit in der Ukraine,
  • – zur Schließung der russischen Schulen in Estland und zur Inhaftierung des Menschenrechtsaktivisten Sergej Seredenko
  • – zur Verurteilung von Polizeigewalt gegen Roma.

Der kontinuierliche Einsatz der FUEN für Gleichberechtigung und Teilhabe zeigt Wirkung. Neue Mitglieder beantragten ihre Mitgliedschaft. Wie die Italienische Union (Unione Italiana) der italienischen Minderheiten in Slowenien und Kroatien sowie die demokratische Union der Tataren aus Rumänien.

Die Italienische Union versteht sich als Sprachrohr der italienischen Gemeinschaften in Slowenisch-Istrien und Kroatien sowie im kroatischen  Dalmatien und Slawonien. Der Unione Italiana gehören mehr als 31.000 Mitglieder an, davon 3200 in Slowenien und 28.000 in Kroatien.

Die Tatarische Demokratische Union (UDT) wirbt in Rumänien für den Erhalt und für die Förderung der türkisch-tatarischen Identität ihrer Angehörigen. Die Organisation zählt 5.600 Mitglieder.

Eigene Bildung!

Als roter Faden zog sich die Bildungspolitik durch den FUEN-Kongress. Kita, Kindergärten, Schulen in der Muttersprache, das ist eines der wesentlichen Ziele der FUEN. Igor Giacomini von der Kommission für slowenische Bildung der Region Friaul-Julisch-Venetien sagte unmissverständlich: „Man muss auf eine gute Sprachbildung in den Kitas setzen – später könne man daran arbeiten, auch die Baumkrone, also die Gymnasien und Universitäten, entsprechend auszubauen.“

Zora Popova stellte die Studie „Minority Monitor“ zur Bildungssituation autochthoner, nationaler Minderheiten vor. Laut dieser Studie fehlen für Bildungseinrichtungen der Minderheiten Personal, Geld und die politische Akzeptanz.

Igor Giacomini wies auf den dramatischen Fachkräftemangel – es fehlen LehrerInnen – im Bildungsbereich der meisten Minderheiten hin,  muttersprachliche Lehrkräfte gibt es immer weniger. Die slowenischen Schulen zwischen Triest und Görz/Gorizia beschränken sich außerdem auf die reine Sprachvermittlung.

Nicht viel besser schaut es in Ungarn aus. Für die 13 anerkannten nationalen Minderheiten gilt laut Gesetz eine weitreichende Bildungsautonomie. So werden in Kitas und Schulen verschiedene Modelle von einsprachig über zweisprachig bis hin zu Mischformen praktiziert. „Aufgrund des Mangels an deutschsprachigen Pädagogen schaffen es leider nur sehr wenige Kitas und Schulen, ein einsprachiges Konzept durchzuführen“, beklagte Ibolya Hock Englender von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. „Aber gerade das ist das Alter, in dem Kinder die Minderheitensprache durch einfaches Nachahmen erlernen können.“

Paul Videsott vom Südtiroler Volksgruppen-Institut plädierte für die verpflichtende Minderheitensprachen von der Kita bis zur Universität. Die Lehrkräfte der Minderheitenschulen benötigen eine fundierte Universitätsbildung, in ihrer Hochsprache  – „bitte kein Dorfdialekt“.

Beispiel slowenische Minderheiten

Im Fokus der FUEN-Tagung stand auch die Lage der slowenischen Minderheit in der autonomen Region Friaul-Julisch Venetien. Der Großteil der Angehörigen der slowenischen Minderheit lebt in den Provinzen Triest, Gorica und Udine. Sie stehen unter dem Schutz internationaler Verträge und dem italienischen Gesetz über die Rechte der Slowenen von 2001. Seitdem verfügt die Minderheit über ein relativ gut ausgebautes slowenisches Bildungssystem.

Die slowenische Minderheit lebt entlang der italienisch-slowenischen Grenze fragmentiert – die verschiedenen Generationen entwickelten ein unterschiedliches Zugehörigkeitsgefühl und unterschiedliche Wertvorstellungen. So hat die jüngste Generation nie eine Welt erlebt, in der es eine Grenze zwischen Italien und Slowenien gibt. Derzeit bemühen sich slowenischen Organisationen und Politiker um eine stärkere Sichtbarmachung der Zweisprachigkeit. Sie appellieren daran, besonders im öffentlichen Raum die slowenische Muttersprache zu verwenden.

Schutzmacht Slowenien

Helena Jaklitsch, Ministerin für die Slowenen im Ausland, bekräftigte die Schutzmachtfunktion ihres Landes für die slowenischen Minderheiten. „Dies ist eine in der Verfassung des Landes verankerte Pflicht Sloweniens. Wir setzen uns sehr für die Entwicklung der slowenischen Minderheit ein, denn das betrifft nicht nur Slowenien, sondern uns alle“, sagte Ministerin Jaklitsch. Slowenien hat zwei Millionen Einwohner, 500.000 Slowenen leben außerhalb der Landesgrenzen, hauptsächlich in Italien, Österreich, Ungarn und Kroatien.

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