„Krieg niederer Intensität“ in Chiapas: Staat, Großgrundbesitzer und rechte Paramilitärs führen Krieg gegen zapatistische Gemeinden

(c) https://www.occupy.com

Von Wolfgang Mayr

In Wien, Paris und Madrid werben derzeit zapatistische Delegationen für ihre Anliegen. In ihrer Heimat im mexikanischen Chiapas hingegen führte der Krieg niederer Intensität gegen die indigenen Zapatisten zu einem weiteren Toten.

Ein Zapatista aus Aldama an der Grenze zu Chenalho wurde, das berichtet ein zapatistisches Solidaritäts-Komitee, von Paramilitärs erschossen. Diese Milizen beschießen seit Monaten zapatistische Dörfer. Sie sollen zu jener paramilitärischen Gruppe zählen, die für das Massaker von Acteral von 1997 verantwortlichen sind.

Außerdem sollen zwei weitere zapatistas verschwunden sein. Im Schatten des mexikanischen Staates terrorisieren Milizen die Landbevölkerung, Nachfahren der Maya. Die Angriffe seien in den letzten Jahren immer häufiger und brutaler geworden. Dahinter scheint sich eine Strategie zu verbergen.

Im Juli dieses Jahres erschoss auf dem Markt von Simojovel in Chiapas ein bisher unbekannter Täter den indigenen Menschenrechtler Simon Pedro Perenz Lopez, berichtet der Nachrichtenpool Lateinamerika.

López war Mitglied der basis-kirchlichen Organisation Las Abejas de Acteal („Die Bienen von Acteal“). Außerdem war er Katechet in der Gemeinde Pantelhó. Simón Pedro Pérez López setzte sich für die Förderung und Verteidigung der Rechte indigener Völker ein und begleitete Gemeinschaften, die Gewalt angeprangert haben.

Las Abejas ist eine gewaltfreie Organisation von Tzotzil-Indigenen in der Region Altos von Chiapas, die sich seit 1992 für die indigene Autonomie und gegen neoliberale Großprojekte einsetzt. Traurige Berühmtheit erreichten Las Abejas, als im Dezember 1997 45 ihrer Mitglieder Opfer eines Massakers im Ort Acteal wurden. Das von Paramilitärs begangene Verbrechen waren Teil der staatlichen Strategie gegen den Aufstand der Zapatistas, mit denen die Abejas sympathisieren. Die Täter des Massakers wurden wegen angeblicher Verfahrensfehler aus dem Gefängnis entlassen, eine Untersuchung vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte ist noch nicht abgeschlossen.

In diesem Jahr wurden in Mexiko schon mehr als ein Dutzend MenschenrechtsaktivistInnen ermordet. Im Juni sind im Bundesstaat Sonora mit Luis Urbano Domínguez Mendoza und Tomás Rojo Valencia zwei indigene Yaqui-Aktivisten ums Leben gekommen. Ebenso der Sprecher des Bergbauwiderstands in Mazapil, Zacatecas, José Ascensión Carrillo Vázquez. Am 2. Juli wurde die Ermordung von David Díaz Valdez bekannt, der im Bundesstaat Colima die Umweltverschmutzung durch ein Wärmekraftwerk kritisierte.

Auch die Polizei geht gegen Angehörige indigener Gemeinschaften vor. Im Oktober 2020 schlugen die Polizisten eine Kundgebung gegen die Errichtung eines Stützpunktes für die Nationalgarde nieder. Die AktivistInnen werfen der Nationalgrade von Präsident Obrador vor, Chiapas zu terrorisieren. Das für die Aufstandsbekämpfung gegen die Zapatisten nach Chiapas entsandte Militär wird von AktivistInnen für Morde und Vergewaltigungen verantwortlich gemacht. Außerdem nahmen der Alkoholismus und die Prostitution zu.

Die Nationalgardisten gehen gewalttätig gegen Demonstrierende vor, schießen auch auf die Demonstranten. Wie in Tila. Viele Gemeinden in Tila verwalten sich autonom und gelten deshalb als aufständische Zapatistas.
Die autonomen zapatistischen Gemeinden sind auch zu Hochburgen der Paramilitärs geworden. Dort, wo es diesen zivilen Widerstand gibt, militarisiert der mexikanische Staat das Land. In einem offenen Brief kritisierten Intellektuelle wie Noam Chomsky und v.a. diese Politik der Spannung, die mehr eine Strategie des Krieges ist, als der Sicherheit: „Uns beunruhigt die Möglichkeit, dass diese neue Regierung, ebenso wie ihre Vorgängerinnen – ob liberal oder konservativ – die indigenen Völker erneut an den Rand der Auslöschung zwingen will.“

Die Intellektuellen werfen Präsident Obrador vor, autoritär zu regieren, Beutezüge und Gewalt im Interesse von einem Prozent der Bevölkerung zu unterstützen. Die Kritiker stellen sie in ihrem Brief den zunehmenden „Prozess der Feindseligkeit“ gegenüber indigenen Völkern fest, die sich gegen infrastrukturelle Megaprojekte, wie Tren Maya, den Korridor am Isthmus von Tehuantepec (Corredor Transístmico) und den Morelos-Entwicklungsplans PIM organisieren. Mitglieder des Nationalen Indígena-Kongresses(Congreso Nacional Indígena) und des indigenen Regierungsrates (Consejo Indígena de Gobierno) wurden ebenfalls Opfer von Mordanschlägen.

(siehe Offener Brief hier)

In der Ortschaft Cuxuljá überfielen im August mutmaßliche Mitglieder der regionalen Organisation der Kaffeebauern von Ocosingo (Orcao) Lagerhallen mehrerer zapatistischer Gemeinden. Die Orcao-Mitglieder drängen auf die Privatisierung ehemaligen Großgrundbesitzes, während die zapatistas den Großgrundbesitz in genossenschaftliches Eigentum überführen möchten.

Im Hochland von Chiapas provozieren nicht zapatistische Gemeinden Grenzstreitigkeiten, überfallen Bewaffnete zapatistische Gemeinden. Wohl deutliche Warnsignale für ein Wiederaufflammen der politischen und sozialen Konflikte in Chiapas. Unter den Augen einer angeblichen linken Regierung in Mexiko-Stadt.

Quellen: Nachrichtenpool Lateinamerika; amerika21;

Mexiko: Fotostrecke: Das Leben der vertriebenen Tzotzil-Gemeinschaften in Chiapas – NPLA

Der „Krieg niederer Intensität“ in Chiapas: Die Bedeutung – GRIN

Massaker von Acteal – Acteal massacre – abcdef.wiki

Acteal – Ein Staatsverbrechen | ila (ila-web.de)

Vertreibung in Chiapas – 20 Jahre nach dem Massaker von Acteal | Untergrund-Blättle (xn--untergrund-blttle-2qb.ch)

Nie wieder Acteal – Lateinamerika Nachrichten (lateinamerika-nachrichten.de)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.

Zurück zur Home-Seite