Kolonie Ukraine

Der russische Präsident holt das abtrünnige undankbare „Brudervolk“ heim ins Reich.

Von Wolfgang Mayr

Der „Westen“ schaut wieder zu, beschließt Sanktionen, die Russland und seiner Elite nicht sonderlich weh tun. Offensichtlich steht ein Teil der westlichen Öffentlichkeit hinter dem russischen Präsidenten Putin, weil weiß, angelblich religiös, Schwurbler, antiamerikanisch. Putin, eine Art russischer Nazi, der in der Ukraine Nazi bekämpfen, also ukrainische Menschen ermorden lässt.

Der Westen hat doch glatt vergessen, dass es Putin-Anhänger in der Ostukraine waren, die 2014 ein Passagierflugzeug abgeschossen haben. Die Killer schoben die Verantwortung auf die ukrainische Armee ab. Konsequenzen blieben aus. Putin nicht verärgern, Zeitzeugen berichteten, wie die „Autoritäten“ der angeblichen „Volksrepubliken“ gegen mutmaßliche „Volksfeinde“ vorgingen. KGB-like.

Die Ukraine machte viele Fehler, zweifelsohne. Das unsägliche Sprachengesetz mit seinen antirussischen und antiungarischen Bestimmungen, der vermiedene Dialog mit der russisch-stalinistischen Elite im Donbas und ihren oligarchischen Verbündeten, das ungehinderte Auftreten rechtsradikaler Ukrainer. Fehler, die anderswo zum elementaren Baustein der Politik gehören, beispielsweise in Russland.

Der angebliche Völkermord an den Donbas-Russen und die angestrebte Nato-Mitgliedschaft sind aber Vorwand, befindet die Plattform Dekoder. Worum aber geht es dem Kreml, worum geht es Moskau, fragte Dekoder nach, ging es wirklich um Kränkungen durch den Westen, vermeintlich nicht eingehaltene „Versprechen“ und Sicherheitszusagen aus den 1990er Jahren? Kirill Rogow analysierte auf Vashnyje Istorii ein Regime, das auf Repression und Rohstoffe setzt und zum Aggressor wird. Einen Tag vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine wurde der Text veröffentlicht: „Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts hätten einige wenige Nationalisten und ausländische Feinde Russlands eine ukrainische Nation konstruiert. Auch in der Gegenwart würden sie eine Front bilden, die Putin „Anti-Russland“ nennt. Diese Front habe einen „Bürgerkrieg“ im Osten des Landes angezettelt, dem schon über 13.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Russland habe aber „alles getan, um den Brudermord zu stoppen“, und schütze auch jetzt Millionen von Menschen in der Ukraine, die sich gegen den Kurs der ukrainischen „Zwangsassimilation“ stellen. Dieser aggressive Kurs gegen Russland ist laut Putin mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen vergleichbar, „ohne Übertreibung“.

Präsident Putin bastelte die Mär vom „Donbass-Volk, das sich erhebt“ und am „Narrariv“, dass es nie einen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine gegeben hat. Den Konflikt konstruierten laut Putin ausländische Kräfte, eine „Anti-Russland“-Allianz. Diese Analyse könnte direkt von Alexander Dugin stammen, vermuten die Autoren auf Dekoder, vielleicht ist er der Autor. Dugin ist einer der Vordenker der euroasiatischen Ideologie, ein Mix aus Messianismus, Krämergeist und Verschwörungstheorien, Russland und Moskau die neuen weißen Kraftzentren oder Moskau – das Dritte Rom“.

Mit dem Krieg gegen die Ukraine verändert Putin das geo­po­li­ti­sche Bild Europas, sichert Russland die Vor­herr­schaft im ehemaligen post­so­wje­ti­schen Raum. Ukraine verstehen analysierte frühzeitig, Putin wird den Krieg wagen, „denn sein Idol Stalin hat Mil­lio­nen von Sowjet­bür­gern für seine Ideen ver­nich­tet. Und Putin selbst sieht nichts Fal­sches daran, dass rus­si­sche Sol­da­ten für seine Ideen im Donbas oder in anderen Erd­tei­len sterben. Denn er glaubt wirk­lich, dass Men­schen­le­ben für eine große Idee geop­fert werden können … Putins KGB-Ver­gan­gen­heit macht diesen Ansatz nur noch zynischer.“

Die Nato und die EU, reiner Vorwand für Putin. Er nahm seit der „Samtenen Revo­lu­tion“ 2004 die Ukraine als Bedro­hung für das eigene Herr­schafts­sys­tem wahr: „Eine erfolg­rei­che Demo­kra­tie, eine freie Gesell­schaft in der unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft ist eine direkte Her­aus­for­de­rung für die Mos­kauer Auto­kra­tie,“ heißt es auf Ukraine verstehen.  Putin antwortete auf die ukrainische Demokratisierung mit einer nega­ti­ven Ukrai­ne­po­li­tik: Die Ukraine ist keine Nation, kein souveräner Staat, von Nazis beherrscht. Im Westen stimmen dieser „Analyse“ Rechts- und Linksradikale begeistert zu.

Den absoluten Bruch verursachten die Maidan-Demonstranten. „Seit dem Maidan hat die Ukraine den Weg einer Euro­päi­sie­rung im Sinne der Ver­knüp­fung von Natio­nal­staat­lich­keit mit einer liberal und demo­kra­tisch ver­fass­ten Regie­rungs­form ein­ge­schla­gen, während in Russ­land das Natio­nal­ge­fühl mit impe­ria­ler Tra­di­tion ver­bun­den ist. Selbst unter Kriegs­be­din­gun­gen ist in der Ukraine eine Demo­kra­tie ent­stan­den, die poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung unter freien Bedin­gun­gen gewähr­leis­tet,“ kommentiert Ukraine verstehen. Den inzwischen mit Gewalt blutig unterbundenen ukrainische Neustart beförderte Putin mit seiner Ukraine-Politik, Annektion der Krim, faktische Besetzung der Donbas-Region Luhansk und Donezk.

Der ukrainische Traum ist ausgeträumt, zerschossen von der russischen Armee. Die vor 30 Jahren wiedererstandene unabhängige Ukraine degradiert Putin und seine korrupte Machtelite zu einer Kolonie, deren Rohstoffe geplündert werden. Trotz des Brudervolk-Geredes werden die UkrainerInnen einem russischen Apartheid-System untergeordnet. In wenigen Monaten wird die „Werte“-Gemeinschaft der EU zur alten Tagesordnung zurückkehren, Geschäfte machen mit Putin und seine Oligarchen.

Weitere Analysen: Aufschlussreiche auch die Kommentare der Jüdischen Allgemeinen Zeitung zum russischen Krieg gegen die Ukraine:

Putins Propaganda und die Lüge vom angeblichen Völkermord an Russen im Donbass | Jüdische Allgemeine (juedische-allgemeine.de)

Russische Einheiten in Kiew | Jüdische Allgemeine (juedische-allgemeine.de)

Sprachlos, besorgt, perplex | Jüdische Allgemeine (juedische-allgemeine.de)

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