Kolonie Chaco: Die schleichende Enteignung der Ureinwohner  

Von Wolfgang Mayr

Die nordargentinische Provinz Chaco ist eine flache und trocken-heiße Dornbuschsavanne. In dieser dürren Landschaft breiten sich die riesigen Sojafelder weiter aus. Die einst großflächigen Waldgebiete schrumpfen, auch die Zahl der Waldbewohner geht ständig zurück. Sie werden wegen fehlender Besitzurkunden von ihrem Land vertrieben. Meistens sind es Angehörige der Wichí, Mocovie und Qom.

Die europäische Praxis der Verfolgung und Vertreibung reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Die Siedler begnügten sich nicht mit dem Küstenstreifen, sie wollten mehr. Nach und nach eroberten die spanischen Migranten die fruchtbaren Pampas im Norden und die Araukania im Süden Argentiniens. Der Chaco schien die Siedler nicht zu interessieren, zu arm, zu trocken, tausend Kilometer von Buenos Aires entfernt.

Noch 1810, im Jahr der Unabhängigkeit Argentiniens, kontrollierten die Ureinwohner die Hälfte des Landes. Schon frühzeitig führten die weißen Kolonialisten einen ideologischen Krieg gegen die Ureinwohner und gegen ihre schwarzen Sklaven, ihre Kulturen waren gleichbedeutend mit Wildnis, Rohheit, Primitivität und Rückschritt. Damit begründete die sich als zivilisiert und fortschrittlich fühlende Siedler-Nation ihren Krieg gegen die indigenen Nationen und die Unterdrückung der afrikanischen Sklaven.

Rassistische Kriege gegen Ureinwohner

Der erste Präsident Argentiniens, Domingo Sarmiento, schrieb 1874 über die Ureinwohner: „Die amerikanischen Rassen leben in der unendlichen Faulheit und sind sogar trotz Zwang unfähig, sich mit einer harten und regelmäßigen Arbeit zu beschäftigen. Das hat die Idee aufgeworfen, Schwarze einzuführen, was eine ebenso fatale Situation hervorgerufen hat.“

Die ideologische Grundlage für die Siedler-Gesellschaft, es den US-Amerikanern und Kanadiern sowie lateinamerikanischen Conquistadoren-Erben gleich zu tun. Der Landbesitzerverband „La Sociedad Rural“ organisierte Feldzüge in den Chaco, Tageszeitung „La Nación“ legitimierte die Angriffe verharmlosend als „Expeditionen in die Wüste“. Viele Indigene wurden gefangen genommen, noch mehr getötet.

Gewaltsam wurde der indigene Chaco annektiert

Die indigenen Wald-Bewohner leisteten lange erfolgreich Widerstand gegen diese angeblichen Expeditionen. Die zahlenmäßige und technische Überlegenheit der Eroberer brach gewaltsam den indigenen Widerstand. Die Überlebenden verloren ihr Land und wurden zu Arbeit gezwungen: gegen Essensgutscheine wurden sie zur Abholzung ihrer Wälder oder zur Ernte auf den Baumwollfeldern gedrängt. Die landraubenden Siedler steckten mit Zäunen ihr Land ab. Dagegen gab es immer wieder Proteste. 1924 wurden bei dem Massaker von Napalpí hunderte indigene ZwangsarbeiterInnen abgeschlachtet, das Massaker, ein Symbol für die „Conquista del Chaco.“

Im trockenen und wasserarmen Chaco waren die Lebensbedingungen schon immer schwierig. In den 1960er Jahren begann die Agrar-Industrie mit der flächendeckenden Abholzung der Wälder. Nur mehr Land sollte nutzbar gemacht werden, auf Kosten des Wald-Öko-Systems. Damit gingen große Teile des Wasserspeichers Wald dem Land verloren. Dem nicht genug. Die Großgrundbesitzer lassen Baumwolle und Soja anbauen, für den Export. Beide benötigen wiederum viel Wasser, das ständig geringer wird. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft gingen viele Arbeitsplätze verloren. Auch aus diesem Grund wanderten viele heimatlos gewordenen indigene Menschen in die Städte ab.

Die Indigenen und ihre Nachfahren sind Ausgegrenzte

Indigene Landflüchtlinge in den Städten des Chaco sind Nachbarn der Nachfahren italienischer, polnischer und deutscher Bevölkerungsgruppen. Das interethnische Zusammenleben ist meist problemlos. Die Indigenen werden immer mehr Teil der mestizischen Bevölkerung. Familien mit indigenen und europäischen Vorfahren werden „Criollos“ – Kreolen –  genannt. Trotz des Zusammenlebens und der „Mestizisierung“ der Indigenen werden vielerorts indigene Personen diskriminiert, weil nicht-weiß bzw. nicht-europäischstämmig.

Die ökumenische NGO Junta Unida de Misiones (JUM) aus Juan Jose Castelli versucht die jungen Indigenen zu organisieren, ihre Belange zu vertreten. JUM bietet interkulturelle und bilinguale Bildung an. Ein besonderer Schwerpunkt ist die indigene Kosmovision. „Unsere Kosmovision ist verbunden mit gewissen Vorstellungen, unserem Territorium und der Mutter Erde. Das Besondere unserer Sichtweise ist, dass wir an die Existenz von bestimmten Wesen glauben, wie den Eigentümer des Waldes, den Eigentümer des Wassers oder zum Beispiel die Mutter der Schlangen“, sagt JUM-Mitarbeiter Leandro, ein Mapuche.

Die eigene Wiederentdeckung

Leandro will als Lehrer dafür sorgen, dass das Wissen über die eigene Kultur weitergegeben wird, viel davon ist verloren gegangen. Er will außerdem zeigen, was es heute heißt im Chaco Nachfahre von Indigenen zu sein. Es geht ums Denken und über den Zugang des Wissens über die verdrängte Geschichte und bis heute immer noch existente indigene Kultur.

Leander wirbt für die Rückbesinnung: „Denjenigen, die aus irgendeinem Grund ihre Sprache verlernt haben oder die Sprache nicht sprechen, sollten sich trotzdem als Indigene fühlen. Es ist nicht wichtig eine Sprache zu sprechen, sondern es gibt bestimmte andere Charakteristiken, an denen jemand seine Indigenität entdecken kann. Das ist die Art zu Denken. Die Art und Weise zu bemerken wie sich die Welt dreht und wie wir uns in ihr bewegen.“

Indigen sein bedeutete bisher arm zu sein und diskriminiert zu werden, damit wurden die Nachfahren der Ureinwohner abgewertet, erklärt Leandro: „Zu den Pueblos Indígenas zu gehören, sollte heute nicht mehr Synonym für Armut oder eine entwertete Person sein. Heute müssen wir als Jugendliche daher viel über unsere eigene Geschichte der Vertreibung wissen, die unsere Kultur zur Zeit der Gründung des argentinischen Staates erlebt hat. Wir müssen erkennen, dass der eigene Staat uns damals schikaniert und uns unsere Territorien geraubt hat. Trotzdem dürfen wir unsere eigene Identität nicht verlieren.“

Dazu ein Audiobeitrag vom Nachrichtenpool Lateinamerika, und noch ein weiterer hörenswerter Audiobeitrag (NPLA)

Argentinien: Kosmovision und Geschichte indigener Gruppen im Chaco – NPLA

Argentinien: Raubbau, Stigmatisierung und indigener Widerstand in der Pandemie – NPLA

Lateinamerika, Mexiko, Peru: Aus der Not heraus: Traditionelle indigene Heilkunst gegen Covid-19 – NPLA

Argentinien: onda-info 511: Indigene in Argentinien especial – NPLA

https://amerika21.de/audio/254204/pinochets-erbe-abschuetteln

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