KATRIN REEMTSMA

Von Tilman Zülch

Die Gesellschaft für bedrohte Völker entstand 1968 als Biafrakomitee, engagierte sich dann für verfolgte Kurden, Südsudanesen und Eritreer. Bald erhielten wir Briefe von Freunden: Keine Volksgruppe wird so schäbig behandelt, so diskriminiert wie die deutschen Zigeuner, Opfer des Holocaust.“ Wir fingen an Material zu sammeln, Verbindungen  herzustellen. Der Engländer Grattan John Puxon hatte schon Ende der sechziger Jahre die Protestbewegung der britischen Gypsies angeführt, den verzweifelten Widerstand der irischen Fahrenden, der Tinker, gegen Behördenwillkür unterstützt und  Mitte der siebziger Jahre  im griechischen Thessaloniki ein kleines Büro der internationalen Romabewegung etabliert. Das war ein loses Bündnis von Intellektuellen,  Bürgerrechtlern, und Honoratioren der Roma und Sinti, der Gitanos, Gypsies, der Tinker und Jenischen.  Auf dem Wege zu griechischen Inseln diskutierten wir dann mit Grattan in zwei Jahren einen Plan für die internationale Romabewegung. In Deutschland, dem Land des Holocaust an Roma und Sinti, meinten wir, befände sich der „Gordische Knoten“ den es zu zerschlagen gelte.

Simone Veil, erste Präsidentin des Europäischen Parlaments hatte ihre Mutter in Bergen Belsen verloren und das Lager überlebt. Sie kam am 26. Oktober 1979 zur ersten großen Gedenkkundgebung an den Holocaust an Sinti und Roma in die KZ- Gedenkstätte. Ein Kamerawald trennte die Redner von den 500 Roma aus 12 Ländern und den 2000 Teilnehmern der GfbV Veranstaltung. Die Berichterstattung lief um die Welt. 1981 folgte der von der GfbV organisierte Weltromakongress in Göttingen mit Teilnehmern aus 28 Staaten unter der Schirmherrschaft von Indira Gandhi. Simon Wiesenthal kam, seither Unterstützer unserer Menschenrechtsarbeit, und Donald Kenrick, international renommierter Erforscher des Holocausts an Roma und Sinti. Die GfbV setzte die Anerkennung des Genozids und Bürgerechte der Minderheit durch.

Zu dem Kongreß-Organisationsteam gehörte auch eine junge Göttinger Studentin, Katrin Reemtsma, bis dahin engagiert für die nordamerikanische Indianerbewegung. Sie hatte schon 1978 den „Longest Walk“ des „American Indian Movement“ vom Pazifik zum Atlantik mitgemacht und wurde 1983 Roma-Referentin im Göttinger Bundesbüro. Unvergesslich ist mir eine Pressekonferenz mit Katrin im besten Hotel von Dublin.

Wir stellten Katrins zweisprachige Dokumentation der Reihe Pogrom „die Fahrenden, Irlands diskriminierte Minderheit“ vor. „Welche Verbindung haben sie überhaupt zu den Tinkers?“ fragte der Vertreter der ehrwürdigen „Irish Times“. Statt Katrins antwortete eine der Tinkerfrauen: „ Sie schreiben über uns, haben unsere Wohnwagen aber noch nie aufgesucht! Diese deutsche Lady aber hat vier Wochen mit uns gelebt.“ „ Die Traveller“ sagte damals Dónall Ó Riagáin, Generalsekretär des Europäischen Büros für Sprachminderheiten, „ sind normalerweise verschlossene Menschen. Das eine junge Frau mit einem ganz anderen kulturellen Hintergrund in so kürzer Zeit ihr Vertrauen erwarb, war eine außerordentliche Leistung.“ Katrin war bei Sintifamilien zu Gast, unterstützte sie gegen Behörden und verfasste Wiedergutmachungsanträge.

Sie veröffentlichte ein viel beachtetes Buch im Beck-Verlag: „Sinti und Roma: Kultur, Geschichte und Gegenwart“ eine Aufarbeitung von Geschichte ein Plädoyer für die Teilhabe dieser großen Minderheit am politischen und gesellschaftlichen Lebens Gesamteuropas. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wandte sich Katrin den Roma Osteuropas zu, publizierte Menschenrechtsreporte über deren Situation in Rumänien, Mazedonien und Bulgarien. Katrin war mit vielen Persönlichkeiten der Romabewegung, mit vielen kleinen Leuten befreundet, wurde geschätzt und verehrt, blieb unbestechlich und scheute die Auseinandersetzung auch mit Romaorganisationen nicht, wenn sie diese für notwendig hielt.

Katrin Reemtsma hatte fast 20 Jahre Menschenrechtsarbeit geleistet, als sie durch die Hand ihres Lebenspartners ermordet wurde.

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