Jakuten für den Frieden und gegen die Kreml-Propaganda

In einem mutigen Akt des Ungehorsams hat sich eine anonyme „Gemeinschaft der Pazifisten“ in Jakutien gegründet und widerspricht dem russischen Propagandabild, dass die Jakuten treu an der Seite des Kremls kämpfen.

"Es lebe die Welt" von Vasily Parnikov

Von Jan Diedrichsen

Der russische Angriffskrieg wirft einen schweren Schatten auf die indigenen Völker Russlands sowie die Nationalitäten und Minderheiten des Landes. Wie für alle Dissidenten, gilt auch für sie: Kritik an den Machthabern und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine führt ins Gefängnis. Nur die Wenigsten haben die Möglichkeit in den Westen zu fliehen. Und wer lässt gerne seine Familie und Heimat zurück, um ins Ungewisse zu gehen. Viele Jakuten ziehen sich zurück, schweigen und protestieren nur noch hinter vorgehaltener Hand oder anonym.

 

VOICES berichtet:

Schoren trommeln für den Krieg: „Ich habe keine Worte mehr“

RAIPON hat jegliche Glaubwürdigkeit verspielt: Glückwunschadresse an Putin zum verbrecherischen Angriffskrieg

 

VOICES hat mehrmals über die Instrumentalisierung der indigenen Bevölkerung im Fernen Osten berichtet. Während sich Organisationen wie RAIPON haben gleichschalten lassen und von staatlicher Seite regimetreue Vertreterinnen vorgeführt werden, gibt es auch organisierten Widerstand. Mutige Bewohnerinnen haben sich mit der Gründung einer „Gemeinschaft der Pazifisten“ und in einem Gründungskommuniqué zu Wort gemeldet. Der gesamten Wortlaut (russisch) findet sich hier. Wir zitieren auszugsweise:

„Die Besetzung der ukrainischen Städte geht weiter, Tausende unschuldiger Menschen wurden bereits von der russischen Kriegsmaschinerie vernichtet, Städte und die dazugehörige Infrastruktur wurden zerstört, mehr als 6 Millionen Menschen sind nach Angaben der UNO gezwungen, aus der Ukraine zu fliehen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass der derzeitige Krieg eine Katastrophe ist. Parallel dazu gewinnt in Russland seit Jahren ein staatlicher Repressionsapparat an Fahrt und zwingt die Menschen, ihre Ansichten zu überdenken, zu flüstern oder ganz zu schweigen – und inmitten des Schweigens sind die Stimmen derjenigen, die den militärischen Konflikt unterstützen, unverhältnismäßig laut.

Wir haben sehr lange auf eine öffentliche Stellungnahme des jakutischen Volkes gewartet, aber alles, was wir zu sehen bekamen, war ein Schreiben von RAIPON, das den Angriff unterstützt, ganz zu schweigen von den staatlichen Behörden. Nachdem wir diese Situation analysiert hatten, haben wir uns entschlossen, eine dezentrale, anonyme Bewegung, die „Jakutische Pazifistische Gemeinschaft“, zu gründen, um die Antikriegsstimmen der Republik zu vereinen und sichtbar zu machen. Das zentrale Element des Plakats „Es lebe die Welt“ des Grafikers Vasily Parnikov diente als Symbol für die Vereinigung und unsere verbindende Idee.

Wir lehnen die totalitäre Politik Putins kategorisch ab, wir fordern die sofortige Beendigung der Militäraktion und die Anerkennung Putins als Kriegsverbrecher, wir fordern regionale Autonomie bei der Entscheidungsfindung und die Möglichkeit für die Bürger, am politischen Leben der Region, in der sie leben, teilzunehmen. Wir sind gegen die gewaltsame Aneignung der nationalen Kultur zur Unterstützung militärischer Aktionen, wir sind für die Einbeziehung und Akzeptanz der Vielfalt der Kulturen. Mit unserem Programm wollen wir anonyme Verbindungen zwischen den Teilnehmern aufbauen und eine Plattform für die jakutischen Bürger schaffen, um ihre oppositionelle Position zum Ausdruck zu bringen. (…)

Es stellt sich für jeden Jakuten eine persönliche Frage: Ist der Krieg im Interesse der Republik? Es ist seltsam, eine solche Loyalität der Bevölkerung zu sehen. Wir sprechen hier nicht von maßgeschneiderten Werbetafeln, sondern von privaten Meinungen, die unter normalen Menschen entstehen. Durch ihre fanatische Unterstützung der Aggression diskreditieren und zerstören die Jakuten ihre Kultur. Der Gegenstand des Stolzes – die Kleidung, die man als Teil des Sonnenaufgangsrituals von Ysyakh trägt – wird nun zu einem politischen Werkzeug. Die dubiose zivilgesellschaftliche Organisation Үs Tumsүү hält ein heiliges Ritual der Algys für den amtierenden Präsidenten, der den Krieg entfesselt hat: Sie haben alles, was geschieht, gefilmt und später ins Internet gestellt. Eine religiöse Weltanschauung wird zu einem multimedialen Produkt, das die Marke des Krieges unterstützt. Das heilige Feuer, das positive Energie hervorrufen soll, wird nun benutzt, um die Expansion in der Person ihres Chefideologen zu segnen. Soziale Aktivisten planen einen Shoo-hai zur Unterstützung der Aggression – leider befürwortet der rituelle Reigen heutzutage die Tötung von Menschen. Alles, womit das Volk der Jakuten seit Jahrhunderten lebt und was es sich angeeignet hat, wurde mit dem Blut anderer befleckt. Erfreulich ist nur, dass es sich zwar um einen sichtbaren, wenn auch kleinen Teil der Bevölkerung handelt.

Die Republik Jakutien hat bereits ihre Wälder, Gebiete, Bodenschätze und Soldaten aufgegeben, von denen viele in Särgen nach Hause zurückkehren werden.

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