Iranische Sicherheitskräfte aus kurdischer Stadt vertrieben

Der gewaltsame Tod von Jina Mahsa Amini treibt die Menschen im Iran weiter auf die Straße. Insgesamt machen die Kurden etwa 10% der Gesamtbevölkerung des Iran aus.

Von Jan Diedrichsen

Seit dem Tod von Jina Mahsa Amini sind die Menschen in Teheran und anderen Großstädten des Irans acht Nächte lang auf die Straße gegangen. Die 22-jährige Kurdin war drei Tage nach ihrer Verhaftung in der iranischen Hauptstadt in Polizeigewahrsam für tot erklärt worden. Ihr „Fehlverhalten“: Sie soll ihr Kopftuch auf „unangemessene“ Weise getragen haben.

In den kurdischen Gebieten im Westen des Irans sind die Konfrontationen zwischen Demonstrantinnen und Sicherheitskräften besonders heftig. Der Geheimdienst der islamischen Revolutionsgarden und andere staatliche Akteure gehen mit äußerster Brutalität gegen die Demonstrantinnen vor. Hunderte von Aktivistinnen und Demonstrantinnen wurden festgenommen. Am Freitag berichtete das staatliche Fernsehen von insgesamt 35 Toten.

Die Stadt Oshnavieh, auf kurdisch Shno, ist verschiedenen Berichten zufolge in die Hände von Demonstranten gefallen. Die Sicherheitskräfte sollen sich zurückgezogen haben, so berichten zahlreiche iranische und kurdische Telegram-Kanäle und belegen dies mit Videos, die zeigen, wie Tausende von Demonstranten durch die Stadt marschierten und dabei Regierungsbüros, Banken und einen Stützpunkt der Revolutionsgarden in Brand setzten. Die Nachrichtenlage aus dem Iran ist wegen der Kommunikationssperre und der beinah vollständigen Kappung des Internets äußert schwierig.

In den kurdischen Gebieten wurden Plakate des von einer US-Drohne getöteten Befehlshabers der Revolutionsgarden, Qassem Soleimani, in Brand gesetzt, woraufhin diese auf Twitter mit Vergeltung drohten. Am Freitag fanden im ganzen Land Dutzende von Militärmärschen statt, um den Jahrestag des iranisch-irakischen Krieges zu begehen und um die Macht der Sicherheitskräfte zu demonstrieren.

Die Proteste lassen jedoch trotz der Machtdemonstrationen und der scharfen Worte von Präsident Ebrahim Raisi, nicht nach. „Wenn sie Kritik üben und reden wollen, ist das in Ordnung, aber Krawalle, die die Sicherheit des Staates und des Volkes untergraben, wird niemand dulden“, sagte Raisi auf dem Teheraner Flughafen nach seiner Rückkehr von der Jahrestagung der UN-Generalversammlung in New York.

Jina Mahsa Amini, die mit ihrem gewaltsamen Tod die Unruhen entfachte, lebte als Frau und als Kurdin in einer doppelten Diskriminierung. Bereits nach der Geburt sollen iranische Behörden den Wunsch der Eltern von Jina Mahsa Amini abgelehnt haben, ihrer Tochter den kurdischen Namen „Jina“ zu geben. Sie wurde dann unter dem Namen „Mahsa“ registriert, wurde aber mit dem kurdischen Namen „Jina“ (Leben) angesprochen.

Insgesamt machen die Kurden etwa 10 % der Gesamtbevölkerung des Iran aus. Im Iran leben rund 85 Millionen Menschen. Nach der letzten Volkszählung von 2006 hatten die vier wichtigsten kurdisch bewohnten Provinzen im Iran – West-Aserbaidschan, die Provinz Kermanshah, die Provinz Kurdistan und die Provinz Ilam – eine Gesamtbevölkerung von ca. 7 Millionen Menschen. Die Kurden betrachten den nordwestlichen Iran (Ostkurdistan) im Allgemeinen als einen der vier Teile eines Kurdistans, zu dem auch Teile der südöstlichen Türkei (Nordkurdistan), Nordsyriens (Westkurdistan) und des Nordiraks (Südkurdistan) gehören.

Außerhalb der traditionellen Region Kurdistan lebt eine große, isolierte Gemeinschaft von Kurden im Nordosten des Iran, etwa 1000 km vom iranischen Kurdistan entfernt. Sie werden als Kurden von Chorasan bezeichnet und sprechen im Gegensatz zu den Kurden im Westiran den Kurmandschi-Dialekt.

Im Iran leben außerdem Perser, Aseri, Belutschen, Ahwazi, Turkmenen, Armenier und Assyrer sowie Glaubensgemeinschaften der Bahai, Juden, Zoroastrier und Christen. Die Mehrheit der Bevölkerung gehört jedoch dem schiitischen Islam an.

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