Die Aleviten lehnen sich gegen Präsident Erdogan auf

Mehrere alevitische Verbände wehren sich gegen das geplante Pflichtfach „Religion und Ethik“. Auf einer Kundgebung forderten alevitische Verbände Demokratie und Säkularismus.

Von Wolfgang Mayr

Auf der Kundgebung las die Journalistin Nilgün Mete die ablehnende Stellungnahme der alevitischen Verbände vor. „Das Vorhaben, Vorschulkinder … verpflichtend in Religion, Koranlesen und Prophetenkunde zu unterrichten, stellt nicht nur eine eklatante Kindeswohlgefährdung dar,“ zitierte Mete aus der Erklärung. Dieser Plan zielt laut Nilgün Mete auf die Assimilation der Kinder von Millionen Menschen ab, deren Glaubensüberzeugungen sich von der vorherrschenden Religion unterscheiden.

Besonders betroffen sind laut der PKK nahen Nachrichtenagentur anf-deutsch Menschen mit alevitischer Glaubenszugehörigkeit und Menschen ohne religiöse Bindung. Der religiöse Zwangsunterricht behindert die gesunde Entwicklung des Kindes, kritisieren die alevitischen Verbände.

Religionsunterricht seit 1982 Pflicht

Religionsunterricht ist in der Türkei seit 1982 – in der Ära der Militärdiktatur – Pflichtfach. Derzeit können sich nur Schüler:innen der anerkannten jüdischen, armenischen und griechischen Minderheiten am staatlichen Religionsunterricht befreien lassen. Alevitische Kinder hingegen müssen teilnehmen, da die türkische Regierung alevitische Gläubige nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkennt.

Das ist letztendlich ein Zwangsunterricht der sunnitischen Glaubens-Lehre und eine Verletzung ihrer Glaubensfreiheit. Für alevitische Verbände ist dies eine Form der Diskriminierung. Mit dem Ziel das Land ethnisch und religiös zu vereinheitlichen, assimiliert der türkische Staat die Aleviten, gemäß der Formel „Wir sind alle Muslime“. Alevitische Organisationen fordern seit Jahrzehnten die Anerkennung des Alevitentums als eigenständige Religion, sprechen sich gegen die Abwertung ihrer Kulturstätten als „Gewerberäume“ sowie die Abschaffung des Pflicht-Fachs Islam.

Türkei ignoriert EGMR-Urteile zu Religionsfreiheit

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) drängte die Türkei immer wieder zur Religionsfreiheit. 2004 forderte der EGMR die Türkei in einem Urteil auf, den Schüler:innen die Möglichkeit zu geben, sich vom Pflichtfach Religion befreien zu lassen, ohne dass die Eltern ihre Religionszugehörigkeit offenlegen müssten. Der Staat müsse in religiösen Dingen neutral bleiben.

2007 wurde die Türkei verurteilt, weil der Religionsunterricht „nicht den Kriterien einer pluralistischen Erziehung in einer demokratischen Gesellschaft” entspricht. 2009 wurde die Türkei erneut dazu aufgerufen, alevitische Kinder aus Gründen der Glaubensfreiheit vom sunnitischen Religionsunterricht freizustellen.

2015 folgte in letzter Instanz eine weitere Aufforderung an Ankara, Islamunterricht als Pflichtfach an staatlichen Schulen abzuschaffen. Dem widersetzt sich seitdem vehement die islamistische Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Säkularismus ist die Voraussetzung für die Menschenwürde

„Der obligatorische Religionsunterricht muss abgeschafft werden, auch im Wahlpflichtunterricht“, sagen die Vertreter der alevitischen Verbände. Außerdem soll der Nationale Bildungsrat in ein „demokratisches und unabhängiges Beratungsgremium“ umgewandelt werden, mit Vertretern aller gesellschaftlichen Gruppen. „Säkularismus ist nicht nur die Trennung von Religion und Staat, sondern auch die Voraussetzung für den Schutz der Menschenwürde, aller Rechte und Freiheiten und der pluralistischen Demokratie“, sagtNilgün Mete und wieter: „Wir wollen eine wissenschaftliche, demokratische, säkulare, muttersprachliche Bildung und gleichberechtigte Staatsbürgerschaft. Wir wollen die Gleichstellung der Geschlechter.“

„Assimilation ist Mord“, skandierten die alevitischen Demonstranten in Istanbul.  Ein Zitat von Präsident Erdogan, der die Integration der ZuwandererInnen aus der Türkei in Deutschland als Assimilation verdammt hatte und Assimilation als Mord bezeichnete. Die Demonstration organisierten im asiatischen Stadtteil Kadiköy die Alevitisch-Bektaschitische Föderation (ABF), die Föderation der alevitischen Vereine (ADFE), die Föderation der alevitischen Stiftungen (AVF), die Konföderation der Alevitischen Gemeinden in Europa (AABK), die alevitischen Kulturvereine und die Plattform für Demokratie (DIB). Unterstützung gab es von zahlreichen politischen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen wie den Gewerkschaften Eğitim Sen und KESK und den Parteien HDP, EMEP, TIP und grüne Linke.

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