„Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ – In Berlin versucht das Dokumentationszentrum über Grenzen hinweg Lehren aus der Geschichte zu ziehen

Von Wolfgang Mayr

Im Sommer 2021 wurde in Berlin das Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung eröffnet. Der ehemalige Präsident des Bundestages, Wolfgang Thierse, schrieb in einer Sonderausgabe der „Welt“ darüber: „Man bezeichnet das 20. Jahrhundert als das des Völkermords und der Vertreibung. An dem Jahrhundertverbrechen waren wir Deutsche beteiligt (Wir werden gerade wieder an die Schandtaten der Kolonialmacht Deutschland erinnert). Das ´Sichtbare Zeichen´ ist deshalb und gerade für uns Deutsche ein Mahnmal zur selbstkritischen Erinnerung“. Lange wurde verharmlosend von „Umsiedlern“, von „Neubürgern“ geschrieben, die Vertreibung war über Jahrzehnte hinweg kein Thema, es musste geschwiegen werden, klagte Thierse. „Ich weiß, was es heißt, wenn vom Leid der Vertriebenen die Rede ist – dem doppelten Leid des schmerzlichen Verlustes der Heimat einerseits und andererseits des Schweigenmüssens, der Unterdrückung und Verdrängung, das krank machen kann“, kritisierte Thierse in der erwähnten Sonderausgabe der Tageszeitung „Die Welt“. Während Nazis in der BRD und der DDR Karriere machten, „bestraften“ die Rote Armee und ihre Verbündeten im befreiten Ost-Europa die deutschen Bevölkerung kollektiv für die Verbrechen der Nazis.

Der Träger des Dokumentationszentrums ist die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, die vom Bundestag gegründet wurde. Die Stiftung steht unter der Trägerschaft der Stiftung Deutsches Historisches Museum (DHM). Sie wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

Vor allem in Kriegen fliehen Menschen oder werden vertrieben. Welche Ursachen zu Flucht und Vertreibung führen und was dieses Schicksal für die Betroffenen bedeutet, ist Thema des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung.

Im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart teilen Millionen Menschen die Erfahrung von Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration. Die Ursachen und Folgen von „Zwangsmigration“unterscheiden sich: In Europa führten Nationalismus und Gewalt der Weltkriege im 20. Jahrhundert zu massenhaften Vertreibungen bis hin zum Völkermord. Kriege und bewaffnete Konflikte sind eine wichtige Ursache für Flucht und Vertreibungen großer Menschengruppen, die Minderheiten angehören. Auch nutzen Regierungen Vertreibungen als staatliches Mittel zur Beilegung ethnischer und religiöser Konflikte.

Das Dokumentationszentrum widmet dem Thema Flucht, Vertreibung und „Zwangsmigration“im 20. und 21. Jahrhundert aus einer europäischen wie globalen Perspektive. Erinnert wird auch an die 14 Millionen Deutsche, die im Zuge des von Deutschland ausgegangenen Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Politik und ihrer Folgen die früheren preußischen Ostprovinzen und ihre Siedlungsgebiete in Mittel-, Südost- und Osteuropa verlassen mussten.

Bayern2 greift das Thema Vertreibung am Beispiel vom Massaker von Aussig im Sudentenland 1945 in der Tschechoslowakei auf. Das „Massaker von Aussig“ am 31. Juli 1945 ist eine Tat im Prozess der Vertreibung von bis zu drei Millionen Sudentendeutschen aus der Tschechoslowakei. Die gewalttätigen Ausschreitungen werfen viele Fragen auf. Heute ist die Stadt Aussig, Ústí nad Labem, ein Ort der Versöhnung.

Statt den „Sudentendeutschen“ die Selbstbestimmung zu gewähren, wurden sie kollektiv für die Nazi-Verbrechen in der Tschechoslowakei „bestraft“, vertrieben. Der sowjetische Diktator Stalin setzte nach seinem Sieg über Nazi-Deutschland die ethnische Säuberung Ost-Europas fort, wie einst vereinbart im Hitler-Stalin-Pakt. In den sowjetisch kontrollierten Warschauer Pakt-Staaten wurde die Selbstbestimmung ausgesetzt. Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 konnten die von den KPdSU kolonialisierten osteuropäischen und zentralasiatischen Völker ihr Recht auf Selbstbestimmung ausüben.

Laut der UNO-Charta haben alle Völker das Recht auf Selbstbestimmung. Die weltweite Realität ist aber eine andere. Was in der Theorie logisch und einfach klingt, kommentiert Bayern 2 in seiner Sendung, birgt in der Praxis erhebliches Konfliktpotential.

Weiter Informationen zum Thema Vertreibung:

Der Bund der Vertriebenen versteht sich als Interessensorganisation der Vertriebenen und ihrer Nachfahren. Der Bund bemüht sich unter der Leitung seines Vorsitzenden Bernd Fabritius um den Dialog mit den osteuropäischen Nationen.

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