„Es ist besser zu kämpfen“: Junge Sahrauis drängen auf Widerstand

Von Wolfgang Mayr

Die Journalistin und Juristin Karla Ferrera von Un Micro para el Sahara hat sich in Flüchtlingslagern der Sahrauis in Algerien umgehört. Ihr Eindruck, viele der jungen Vertriebenen wollen nicht mehr länger zuwarten.

Seit Marokko vor einem Jahr den Waffenstillstand in der südlichen Westsahara gebrochen hat, müssen sich Tausende junger Sahrauis zwischen Militär- oder Flüchtlingsleben entscheiden, schreibt Ferrera. Sie befragte Yusef und Nih, 28, die schreiben und schießen.

Die beiden jungen Männer arbeiteten für den Sender der „Demokratischen Arabischen Republik Sahara“ (RASD). Der Sender befindet sich in Rabuni, dem Verwaltungszentrum des Flüchtlingslagers Tinduf in Algerien. Seit 46 Jahren leben geflüchtete und vertriebene Sahrauis in den fünf Wilayes, die Tinduf bilden.

„Wir werden bis zum Sieg nicht aufhören“, sagt Yusef überzeugt im Gespräch mit Karla Ferrera. Er will kämpfen, seine Heimat von den marokkanischen Besatzungstruppen befreien. Immer wieder greifen die SoldatInnen der Polisario-Front die von Marokko durch das Land gezogene Mauer an. Dieser 2.700 Kilometer lange Wall riegelt die von Marokko besetzten Gebiete der Westsahara von den Polisario kontrollierten östlichen Regionen ab. Nach Angaben sahrauischer Quellen startete im September die sahrauische Volksbefreiungsarmee eine Offensive gegen die „Mauer der Schande“.

Yusef erzählte Ferrara von der Repression der marokkanischen Sicherheitskräfte in der besetzten Westsahara. Er zitiert den Fall von Sultana Khaya. Sie eine Aktivistin, die seit fast einem Jahr ohne Gerichtsbeschluss in ihrem Haus in der besetzten Westsahara in Bojador festgehalten wird, während marokkanische Paramilitärs sie missbrauchen, sie und ihre Schwester weiter misshandeln. Kein Einzelfall, sondern die Regel.

Nih arbeitete als Journalist bei RASD Radio und seit einem Jahr für  Zemla, dem Radiosender des Al-Aaiun Camps. Er hofft, beim algerischen Fernsehen in Algier einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Auch Nih hat sich, wie sein Freund Yusef, bei der Polisario-Front gemeldet. Er will nicht mehr länger Flüchtling sein, er will zurück in seine Heimat. „Es ist besser zu kämpfen, als still zu stehen und zu denken, dass die UNO oder der Frieden dir Freiheit bringen wird“, sagt Nih.

Die zornigen Jungen

Die jungen Sahrauis wie Yusef und Nih werden die alten Führungskräfte ablösen. Oder wie der 23-jährige Ahmed von der Union der Polisario-Jugend. Ahmad will die verkrusteten Strukturen in den Lagern aufbrechen, Frauen und Männer müssen zusammenarbeiten, ist Ahmad überzeugt. Ahmed wehrt sich gegen die Trennung von Frau und Mann in öfffentlichen Räumen. Er initierte deshalb Putzaktionen in den Lagern, mit Frauen und Männern, Jugendlichen und SeniorInnen. Für die alte Riege eine Provokation.

Viele der engagierten jungen Leute melden sich freiwillig bei der Polisario. Sie haben das schwer zu ertragende Lagerleben satt. Das Provisorische dauert bereits mehr als 40 Jahre. Mahyub bringt es im Gespräch mit Karla Ferrara auf den Punkt: „Ich bin 23 und ich fühle mich 50 Jahre alt. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber hier wächst man schneller.“ In den Lagern gibt es kaum Arbeit, deshalb auch keine Perspektiven, keine Zukunft, „die jungenLeute sind müde. Es ist, als würde man ständig laufen, im Sand der Dünen“, klingt Mahyub resigniert.

Die Polisario und die Lager-Verwaltungen versuchen gerade wegen der Trostlosigkeit ein Stück Normalität zu bieten. Seit 2016 bietet eine Filmschule jungen Leuten eine Ausbildung an. „Es ist ein Zentrum, das von den Organisatoren des Internationalen Filmfestivals der Sahara (Fisahara) gegründet wurde und das jährlich zwanzig Studenten ausbildet,“ beschreibt Karla Ferrara das Bemühen, Alternativen zu schaffen.

„Unsere Kultur wurde nicht geschrieben, sie wird erzählt, wir nehmen sie auf, damit die Menschen mit dem vertraut werden, was in den Lagern passiert, sagt Mahyub.  Er fotografiert, versucht Blicke und ein Lächeln einzufangen, Porträts zu entwerfen, die ein bisschen Glück widerspiegeln.

Lagersprüche

„Ein sahrauisches Sprichwort sagt, dass das, was mit Gewalt genommen wird, nur mit Gewalt zurück zu holen ist. Ich habe fast meine ganze Jugend hier verloren,“ meint Nih wütend. „Wir leben hier seit so vielen Jahren und warten auf Freiheit, ohne Zukunft.“

Zukunft und Kinder: „Ja, ich möchte Kinder, möchte aber nicht, dass sie so leben wie ich. Bevor ich eine Familie habe, muss ich für mein Land kämpfen,“ sagt Yusef. „Natürlich möchte ich Kinder haben, ich helfe deshalb, unser Land zu befreien, damit sie ein besseres Leben führen können.“

„Wenn du denkst, dass deine Kinder die gleiche Erfahrung machen können … Diese Angst ist beängstigender, als im Krieg in den befreiten Gebieten zu sterben, an der Front, dafür zu kämpfen“, und fügte hinzu: „Man kann auch Kinder in einer Welt wie dieser haben, aber für mich ist es ein Verbrechen,“ meint er düster.

„Wie lange werden wir noch Flüchtlinge sein? Unsere Mütter, Väter, Schwestern und Geschwister müssen zurückkommen. Sie müssen zurückkommen.“

1975 verließen ihre Mütter die Westsahara und wanderten tagelang durch die Wüste, bis sie in Algerien ankamen. Seine Eltern waren an der Front. Die Eltern von Yusef und Nih kämpften bereits für ihre Zukunft, so wie sie es heute für ihre Kinder oder für ihre Landsleute tun.

„Die Zukunft ist unser freies Land“, beendet Yusef das Gespräch mit Karla Ferrera.

Autorin KARLA FERRERA, Quelle: Nationalia, Ciemen

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Polisario Deutschland – ÜBER UNS (fpolisario.org)

Solidarität mit der Westsahara | Antiimperialistisches Lager (antiimperialista.org)

Südafrika und Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS): „Zufriedenstellende Zusammenarbeit und Freundschaft“ | AFRICA live (africa-live.de)

 

Quelle: Nationalia, Ciemen

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