Strafverfahren gegen Sergei Kechimov, Hüter des heiligen Imlor-Sees

Bereits im September 2021 berichtete die Redaktion von Indigenous Russia, dass ein neues Strafverfahren gegen Sergei Kechimov, einen prominenten Aktivisten der indigenen Völker und Verteidiger des traditionellen Landes der Chanten im Autonomen Gebiet Chanten-Mansi, eingeleitet wurde. Nun haben die Behörden offiziell Anklage erhoben.

Sergei Kechimov. Hüter des Sees Imlor. Foto von Denis Sinykov

Von Tjan Zaotschnaja
 
Der Imlor-See, in dessen Nähe Sergei Kechimov lebt, ist nach der Gesetzgebung des Autonomen Bezirks als ein Kulturerbe der Chanten und Mansen anerkannt und nach dem Glauben der Chanten ist der See heilig und wird für rituelle Zwecke genutzt.
 
Die Chanten bilden gemeinsam mit den Mansen die indigene Bevölkerung der früher als Jugirien be-kannte Region im westsibirischen Tiefland. Die Chanten sprechen eine zum finnougrischen Zweig der uralischen Sprachen gehörende ugrische Sprache. Die ursprünglichen Pferdezüchter vom oberen Irtysch wurden zu Jägern und Rentierzüchtern und kamen im 11. Jahrhundert mit den Russen in Kontakt. Im 16. Jahrhundert gelangten sie unter russische Herrschaft. Ihre kulturelle Existenz ist durch die Ölindustrie des Gebietes bedroht.
 
Am 13. September 2021 rief Sergei Kechimov Sayana Mongush, eine Journalistin aus Tuwa, an und berichtete, dass Unbekannte in der Nähe seines Lagers aufgetaucht seien, die Wälder fällten und das Gelände räumten. Es handelte sich um fünf nicht identifizierte Männer, die einen Traktor benutzten, um ihre Arbeit zu erledigen. Kechimov erklärte, dass es sich dabei um „Ölarbeiter“ handelte, über deren Arbeit in der Nähe seines Lagers sich Sergei beschwert hatte (der Konzern Surgutneftegaz fördert Öl in dieser Region).
 
Sergej Kechimov zufolge hielt einer der Arbeiter sein Auto an und stürzte sich sofort auf ihn. Bei dem anschließenden Handgemenge schlugen drei der Angreifer Kechimov. Die Arbeiter, die ihn angegriffen hatten, erstatteten jedoch ihrerseits Anzeige bei der Polizei. Nach einiger Zeit traf die Polizei im Lager von Sergei Kechimov ein. Sie forderten ihn auf, ihnen seine Waffe zu zeigen, und nach einer Überprüfung wurde die Waffe beschlagnahmt.
 
Später erfuhr die Journalistin Sayana Mongush, dass ein Strafverfahren gegen Sergei Kechimov eingeleitet worden sei, welches offiziell von den Behörden bestätigt wurde.
 
Bereits 2017 wurde der 65-jährige Sergei Kechimov, ein Rentierzüchter, der als Schamane bezeichnet wird und der letzte Hüter des „Heiligen Sees Imlor“ ist, wegen eines Konflikts mit Vertretern des Ölkonzerns Surgutneftegas verurteilt. Sergei Kechimov wurde für schuldig befunden, Mitarbeiter von Surgutneftegas mit dem Tode bedroht zu haben. Er wurde zu Zwangsarbeit verurteilt. Kechimov wurde später aufgrund einer Amnestie von der Verbüßung seiner Strafe befreit.
 
Damals berichteten zahlreiche russische und internationale Medien über den Prozess und bezeichneten das Strafverfahren gegen Kechimov als Druckmittel des Ölkonzerns Surgutneftegaz auf die Chanten, um sie von ihrem angestammten Land zu vertreiben, das der Konzern für die Ölförderung benötigt.
 
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