CROW DOG: EIN MEDIZINMANN WECHSELT DIE WELTEN

Foto: Christian von Alvensleben

Leonard Crow Dog vom Volk der Brule-Lakota aus dem Reservat Rosebud, South Dakota verkörperte die spirituelle Kraft des American Indian Movement – und wurde dafür auch verfolgt. Er starb am 6. Juni, 79 Jahre alt.

Ein Nachruf von Claus Biegert

Wir alle konnten Leonard Crow Dog auf YouTube während des Aufstands von Standing Rock erleben, als er im Rollstuhl dem Veteran Wesley Clark Jr. zuhörte, der um Vergebung bat, dass sein Volk, seine Vorfahren das Land der Ureinwohner gestohlen hatte, ebenso deren Kinder, deren Kulturen. Es war der 4. Dezember 2016. Clark, Sohn eines NATO-Generals, hatte eine landesweite Delegation von Veteranen nach Standing Rock angeführt, um dem Widerstandscamp gegen die Dakota Access Pipeline Solidarität und Schutz anzubieten. Crow Dog legte dem vor ihm knieenden Mann die Hand auf den Kopf und sprach Worte der Vergebung. Dann verlangte er nach einem Mikrophon. „Das Land gehört nicht uns, „ sagte er, „ wir gehören dem Land.“ Crow Dog sprach sein eigenes Englisch, er sagte „The land owns us.“ Er endete seine Rede mit dem Aufruf nach Frieden in der Welt. Eine tränenreiche Heilungszeremonie schloss sich an.

Leonard Crow Dog entstammte einer Linie von Medizinmännern der Brulé-Lakota, die vier Generationen zurück reicht. Er wurde im Februar 1942 im Reservat Rosebud in South Dakota geboren. Seine Eltern Mary Gertrude und Henry Crow Dog entschlossen sich, da er schon früh besondere transzendentale  Fähigkeiten zeigte, ihn nicht in eine Schule zu schicken. Es zeugt von der Anerkennung, die die Familie genoss, dass die Stammesregierung eine solche Entscheidung tolerierte. Leonard ging statt dessen bei vier verschiedenen Medizinmännern in die Ausbildung. Darauf angesprochen, sagte er immer: „I went to the university of the universe – ich ging in die Universität des Universums.“ Englisch lernte er nebenbei, er sprach und dachte in Lakota. Sein englischer Wortschatz zeichnete sich durch persönliche Wortschöpfungen und poetische Wortspiele aus.

Bei der Besetzung von Wounded Knee im Februar 1973 war er von Anfang an dabei, seine Aufgabe war es, für die Zeremonien und für Kranke zu sorgen. Die pan-indianische Zeitung „Akwesasne Notes“ berichtete von einem Arzt, Dr.Cowan aus Seattle, Washington, der während einer Woche in Wounded Knee aushalf und es als Ehre empfunden habe, neben Leonard Crow Dog zu arbeiten. Cowan war Zeuge, wie Crow Dog zwei Schußwunden mit Kräutern behandelte, die schmerzstillend und antiseptisch waren, deren pharmakologische Bedeutung er aber nicht kannte, nur die Namen auf Lakota.“ Crow Dog: „Ich hatte meine spirituelle Kraft, meine heiligen Pflanzen und mein Taschenmesser.“ Dr. Cowan: „ Zuerst dachte ich, all diese spirituellen Dinge sind dummes Zeug. Jetzt weiß ich, dass Gebete und rituelle Vorbereitung genauso wichtig sind wie die Substanzen selbst.“

Als die Panzer der Armee auffuhren, bemalte Crow Dog die Gesichter der AIM-Krieger mit roter Farbe; er wusste, dass es ernst war, er wollte ihnen sagen: „It’s a good day to die – ein guter Tag zu sterben. Leonard wurde begleitet von seiner Frau Mary, die während der Belagerung ihren Sohn Pedro zur Welt brachte.

Einmal gelang es vier bewaffneten FBI-Agenten, verkleidet als Postbeamte, durch den Ring der indianischen Wachposten ins Innere zu schlüpfen. Der Schwindel flog bald auf. Einige junge AIM-Männer entwaffneten die Spitzel und brachten sie in das kleine Touristen-Museum neben der Trading Post ein. Leonard Crow Dog, der sich just in diesem Moment im Museum befand, nutzte die Gelegenheit und erteilte ihnen eine Lektion über die Souveränität der „Unabhängigen Oglala Nation“, die die Besetzer ausgerufen hatten und die Auslöser dieses lokalen, indigenen Widerstands. Dann begleitete er die Vier zurück zum Polizeigürtel.

Das reichte dem  Staatsapparat zur Anklage: „Anstiftung zur Gewalt und Behinderung von Bundesbeamten an der Ausübung ihres Amtes.“

Der Prozeß fand im Juni 1975 in Cedar Rapids, Iowa statt; er dauerte drei Tage. Der Verteidigung wurde nicht gestattet, Fragen an die Geschworenen zu stellen. Die drei geladenen Zeugen – sie gehörten zu den vier „Postbeamten“ – konnten Crow Dog nicht mehr identifizieren, widersprachen sich gegenseitig und gaben in der Befragung durch die Verteidigung zu, dass sie weder tätlich angegriffen noch belästigt worden waren. Das Urteil lautete auf 11 Jahre.  Der Berg von Bittschriften auf dem Tisch des Richters McManus mögen dazu beigetragen haben, dass die Strafe auf Bewährung ausgesetzt wurde. Unter den Absendern, überwiegend Kirchenleute und Künstler, war auch Marlon Brando.

Doch Crow Dog sollte keine Ruhe bekommen: Am 3. September 1975 kamen nachts zwei Männer auf das Anwesen und wurden von den Wachen fest gehalten. Da seit Wounded Knee das Haus immer wieder beschossen wurde, hielten Freunde und Verwandte abwechselnd Wache. Es kam zu einem Handgemenge und die Eindringlinge suchten das Weite, ohne dass Crow Dog sie zu Gesicht bekam. Wie sich später heraus stellte, waren es zwei Vorbestrafte namens McCloskey und Beck.

Zwei Tage später, es war drei Uhr morgens, kamen wieder ungebetene Gäste: 120 Bundespolizisten und FBI-Agenten – in Helikoptern, auf Gummibooten (durch das Crow Dog-Land fließt ein Bach) und Panzerwagen, mit Scheinwerfern und Maschinenpistolen, gekleidet in Kampfwesten. Sie sangen:“We’re gonna take to jail and you’re gonna stay there forever“, sie zerrissen das Bettzeug seiner betagten Mutter, sie warfen seinen zweijährigen Sohn Pedro aus dem Bett und hielten seiner Frau die Pistole an die Schläfe, als sie einschreiten wollte.  Sie fesselten Leonard nackt an Händen und Füßen und schlugen ihm einen Spießrutenlauf vor.

Schließlich setzten sie den Gefesselten in einen Wagen und transportierten ihn in das 90 Meilen entfernte Bezirksgefängnis von Pierre, der Hauptstadt von South Dakota. Dort weckten sie ihn alle Stunde , zerrten sie an seinen langen Haaren und fragten ihn nach dem Verbleib von Dennis Banks. (Jener wurde landesweit gesucht, da er untergetaucht war, nachdem William Janklow, Gouverneur von South Dakota, eine Kugel durch den Kopf von Banks als Lösung des Indianerproblems vorgeschlagen hatte. Beliebt war in dieser Zeit ein T-Shirt mit der Aufschrift „I am not Dennis Banks“. Banks wurde im Januar 1976 in an San Francisco verhaftet und erhielt vom kalifornischen Governeur Jerry Brown. politisches Asyl)

Die Anklage lautete auf „tätlicher Angriff mit Körperverletzung“, der Prozess  in Pierre war so knapp angesetzt worden, dass die Verteidiger keine Zeit zur Vorbereitung hatten. Das Urteil lautet auf „zweimal fünf Jahre“, da er für sämtliche Geschehen auf seinem Grund verantwortlich sei.

Das Zuchthaus von Terre Haute im Bundesstaat Indiana war die erste Station der „zweimal fünf Jahre“: In einer Einzelzelle ohne Fenster, 1,20 x 2,10 Meter und 1,70 Meter hoch, verbrachte er drei Wochen ohne Unterbrechung und ohne körperliche Betätigung. Dies sei, so versicherte ihm die Anstaltsleitung, keine Bestrafung. Da Terre Haute noch nicht sein endgültiges Gefängnis sei, habe  er keinen Anspruch auf eine normale Zelle.

Am 5. Januar 1976 wurde er plötzlich nach Rapid City, South Dakota verlegt. Richard Erdoes, ein Illustrator und Schriftsteller aus New York (ursprünglich aus Wien) und  enger Freund der Familie besuchte ihn fünf Tage später im Rapid City County Jail. „Ich fand“, erzählte er mir, „einen körperlich völlig herab gekommenen Mann vor. Er hatte 40 Pfund abgenommen, seine Haut war bleich geworden, sein Haar zeigte noch Spuren der Tortur.“ Erdoes war schockiert über die Zusammensetzung der 60 Gefängnisinsassen: 56 Natives, 4 Schwarze.

Nach Rapid City hatte man Crow Dog verlegt wegen eines Zwischenfalls, zu dem der Prozess noch ausstand:  Am 25. März 1975 waren Mary und Leonard vom Lebensmitteleinkauf in Rapid City zurück gekommen und hatten drei ihnen unbekannte Männer in ihrem Haus vorgefunden. Einer der drei stellte sich als Roger Pfersick vor und gab vor, ein Wink des Großen Geistes habe sie hierher geführt. Mary und Leonard luden die Fremden ein, zum Dinner zu bleiben. Nach dem Essen griff Pfersick nach Mary, wollte ihr unter den Rock; Leonard wies  die Gäste an, das Haus zu verlassen. „Du hast mir überhaupt nichts zu befehlen“, schrie ihn Pfersick an, „dies ist ein freies Land und ich kann tun, was ich will.“ Pfersick schlug nach Crow Dog und spaltete ihm die Lippe. Ich habe diese Einzelheiten von Richard Erdoes.

In der Anklage hierzu war von einer „Bedrohung mit einer gefährlichen Waffe“ die Rede. Leonard habe Pfersick mit einem Tomahawk bedroht. Als die Verteidigung vorbrachte, dass es sich um ein Spielzeug aus Plastik handelte, gab der Staatsanwalt zur Antwort, auch eine weiche Nudel sei eine gefährliche Waffe, wenn sie mit dem Vorsatz zu töten benützt würde.

Der Prozess dauerte zwei Tage; alle Geschworenen waren Weiße. Ein farbiges Foto, das Ankläger Pfersick blutend zeigte, erwies sich als gefälscht: Das Blut war nachträglich aufgetragen worden. Roger Pfersick als Zeuge der Anklage erschien, im Gegensatz zu seinem Auftreten in Crow Dogs Haus, im Anzug mit Sternenbanner-Krawatte.

Bundesstaatsanwalt Hurd gab einführend eine Kostprobe seiner Gesinnung: „Meine Damen und Herren, dieses Land, diese Regierung und sein System sind gut … sie zu beschützen ist eine meiner Aufgaben. Damit schütze ich auch Sie, meine Damen und Herren … Roger Pfersick soll Crow Dogs Frau belästigt haben, ich glaube vielmehr, dass man ihn aus dem Haus geworfen hat, weil er ein Informant der Regierung war. Und wenn er tatsächlich ein Informant der Regierung war, dann doch nur, um Sie und das System zu beschützen, meine Damen und Herren.“

Richard Erdoes, der sich die Aussagen notierte, rechnete mit dem Schlimmsten; doch dann wurde die Strafe ohne Erhöhung der Haftzeit dem vorangegangenen Urteil angehängt. Die Verkündung dieses überraschenden Urteils fand in Richmond, Virginia statt, wohin man Leonard inzwischen verlegt hatte. Es war das vierzehnte Gefängnis. Amnesty International Schweden hatte den Medizinmann inzwischen adoptiert.

Anfang 1977 erhielt Crow Dog die Freiheit wieder, die internationalen Interventionen von Menschenrechtsorganisationen waren nicht umsonst gewesen. Im April reiste ich für das Magazin „stern“ zusammen mit dem Fotografen Christian von Alvensleben durch das indianische Amerika zwischen Massachusetts und Arizona. In Washington stieß Richard Erdoes zu uns und wir begleiteten die Crow Dogs (Mary und Pedro und eine Schwester Leonards waren auch gekommen) zum BIA und zum National Council of American Indians. Als wir uns trennten, lud Leonard uns in Crow Dog’s Paradise ein, zur ersten Peyote-Sitzung nach seiner Freilassung. Wir versprachen, zu kommen.

https://alvensleben.com/stories/cva_native_americans_1977.html

Am Tag vor dem Peyote-Ritual wurde das Zeremonientipi errichtet. Christian dokumentierte jeden Schritt. Als alle Stangen standen, flog ein Schwarm Singvögel zwischen die Spitzen. „Ein gutes Zeichen“, so Crow Dog, „wenn das Tipi steht, kommen die Vögel“. Leonards Eltern halfen, die Bewirtung der Gäste vorzubereiten. Während des Tages war über uns klarer Himmel, am Horizont um uns dunkle Wolkenbänke. Als die ersten Besucher kamen, zogen sich über uns die Wolken zu einer grauen Decke zusammen, der Horizont war nach allen Richtungen hin hell und wolkenfrei. Viele Blitze gingen auf unseren Platz nieder, ohne dass ein großer Donner zu hören war. Wir liefen zwischen Blitzen, als gehörten jene bereits zur Zeremonie. In dieser Nacht erfuhr ich durch die Wirkung des Peyote-Kaktus, was Crow Dog meinte, wenn er von seinem Cousin, dem Baum, sprach oder den Fels als Bruder bezeichnete und das Feuer als Großvater. Ich fühlte plötzlich eine enge Verwandtschaft zu der Landschaft um mich und zu den Pflanzen, die zu ihr gehörten.

Richard Erdoes kannte Leonard seit Kindheitstagen. Er erzählte uns, wie jener auf seinem Land 1974 einen Ghost Dance abgehalten hatte. Wer den Ghost Dance tanze, so hieß es, werde dazu beitragen, dass das Land sich erhole und die Bisons und die Ureinwohner zurück kämen. Der Tanz war Ende des 19. Jahrhunderts von der US-Regierung verboten, da man einen Aufruf zum Widerstand sah. Leonard wollte den Ghost Dance wieder einführen. Er ließ die Tanzenden sich Hemden nähen – Ghost Dance Shirts – und tanzte mehrere Tage mit ihnen. Richard Erdoes fotografierte auf Wunsch von Leonard, ein Freund filmte. Am dritten Tage des Tanzes, ich konnte es im Film sehen, kamen die Adler. Es war ein ungewohnter Anblick: Die Adler flogen in einer Keilformation, wie es sonst nur Gänse tun. Für Crow Dog war es eine Bestätigung aus der geistigen Welt, mit der er in ständiger Verbindung stand.

Leonard Crow Dog war Medizinmann und Aktivist in einem, eine Einheit aus spiritueller Kraft und politischem Widerstand. Darum ging er nach Standing Rock, um die Veteranen zu empfangen. Darum ging er nach Big Mountain und hielt einen Sonnentanz ab, um Hopi und Navajo in ihrem Kampf gegen eine unerwünschte Grenzziehung zu unterstützen. Immer wieder erhob er seine Stimme für Leonard Peltier. Das Tribal Council von Rosebud setzte die rote-weiße Stammesflagge mit den zwanzig Tipis auf Halbmast.

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