Die Völker von Abya Yala vernetzen sich: Indigene und soziale Bewegungen in Lateinamerika suchen den Zusammenschluss. Ihr Ziel: Der Aufbau eines plurinationalen Amerika.

Von Wolfgang Mayr

Ransur statt Unasur. In Lateinamerika verstehen sich die indigenen Organisationen Ransur als Gegenstück zur Ladino Union südamerikanischer Nationen Unsasur. Das Amerika der Ureinwohner, der Indigenen, organisiert sich. Der ehemalige Präsident Boliviens, der Aymara Evo Morales, versucht ein indigenes Netzwerk in zehn südamerikanischen Staaten zu knüpfen.

Fernando Huanacuni, ehemaliger Außenminister unter der Regierung Morales und einer der Netzwerker, sagte über Ransur: Die Vernetzung richtet sich „nach den Kosmovisionen unserer Völker. Ziel ist es, die Grenzen und die Fragmentierung zwischen den Völkern zu überwinden, die von den Nationalstaaten aufgezwungen wurden.“

Morales begründete die Dringlichkeit eines plurinationalen Amerikas folgendermaßen: „Die indigenen Völker der Welt sind im Stande, nicht nur über die Forderungen der indigenen Bewegung zu beraten, sondern darüber hinaus über die Verteidigung des Lebens, der demokratischen Revolutionen und der Mutter Erde.“Seit der Verfassung von 2009 zählt die Plurinationalität zum Selbstverständnis des bolivianischen Staates. Das bedeutet, dass die 36 indigenen Nationen des Andenlandes anerkannt werden.

Den indigenen und sozialen Bewegungen aus Ecuador, Argentinien, Mexiko, Venezuela, Brasilien, Peru, Panama, Guatemala, Chile und Bolivien geht es um  konkrete Maßnahmen gegen den Neokolonialismus und Rassismus. Im Mittelpunkt steht die Selbstbestimmung der Völker, mehrsprachige Bildung, kommunitäre Medien, öffentliche und kostenlose Gesundheitsversorgung sowie traditionelle Medizin, solidarische und ökologische Ökonomie auf Basis des Guten Lebens, Geschlechtergerechtigkeit und den Schutz der Ressourcen des Kontinents.

In ihrer Erklärung bekennen sich die indigenen Bewegungen zur indigenen Rechtsprechung und zurVerteidigung von „Mutter Erde“. Die Entscheidung, Wasser an der Börse zu handeln, lehnen sie ab. „Wasser an der Börse zu notieren, bedeutet gleichsam das Leben in Preisen auszudrücken. Wasser darf nicht gehandelt und privatisiert werden. Der Zugang zu Wasser ist ein Recht der Völker“, heißt es in der Erklärung. Die indigenen Organisationen kritisieren die Einmischung der USA in Venezuela, fordern ein Ende der Sanktionen und der US-Blockade gegen Kuba.

Fokus Guatemala

In Guatemala gingen in den letzten Wochen viele DemonstrantInnen auf die Straße. Sie kritisierten die weit verbreitete und staatlich gedeckte Korruption und forderten ein hartes Vorgehen. Chile als Beispiel zitierend drängen Organisationen der Maya-Völker auf einen Verfassungskonvent, um einen plurinationalen Staat aufzubauen.

„Die Beteiligung der Bevölkerung, der organisierten Bewegungen, Widerstandsgemeinschaften und anderer Kollektive, die in verschiedenen Teilen des Landes demonstriert haben, ist groß gewesen“, sagte Leiria Vay García, Mitglied des Komitees für bäuerliche Entwicklung (Comité de Desarrollo Campesino, Codeca). „In Guatemala leben wir rechtlos und mit einem Staat, der sich nicht an den Interessen der Bevölkerung orientiert, sondern an denen der Wirtschaftsgruppen.“

„Wir wollen,“ erklärt Garcia, „einen plurinationalen Staat, von den Völkern und jenen Gesellschaftssektoren ausgehend aufgebaut, die wie wir historisch ausgeschlossen gewesen sind.“

Ethnische und soziale Ausgrenzung

Laut der UN-Wirtschaftskommission (Cepal) leben in Guatemala mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Armut (fast zehn Millionen) und 22 Prozent in extremer Armut (3,6 Millionen). Die Zahlen steigen in ländlichen Gebieten und indigenen Gemeinschaften sprunghaft an, wo zwei Drittel der Bevölkerung absolut arm sind (Haushaltserhebung 2020).

In Guatemala leidet jedes zweite Kind an chronischer Unterernährung. Nur ein Fünftel der Bevölkerung hat Zugang zu Trinkwasser. Die wenigen Quellen mit sauberem Wasser in den ländlichen Gemeinden wurden von Unternehmern illegal beschlagnahmt, also privatisiert.

Das Gesundheitssystem kollabiert und eineinhalb Jahren nach Beginn der Gesundheitskrise konnte die Regierung nur rund 14 Prozent der Bevölkerung mit einer Dosis impfen und nur zwei Prozent sind vollständig geimpft.

Währenddessen werden immer mehr Konzessionen an nationale und internationale Unternehmen zur Erschließung und Ausbeutung von Rohstoffen erteilt; zugleich breiten die Agrakonzerne unkontrolliert Monokulturen aus, vertreiben Gemeinden und reißen Gebiete an sich.

Auf den Widerstand und die Klagen von VerteidigerInnen der Menschenrechte, der Erde und der Gemeingüter folgen zunehmend Verfolgung, Repression, Kriminalisierung, Strafverfolgung und Tod.

Unterdrückung und Widerstand

Laut einem Bericht von Front Line Defenders und Global Witness gehörte Guatemala  2019 zu den gefährlichsten Ländern für jene, die Land und Gemeingüter verteidigen.  Nach Angaben der guatemaltekischen Einheit zum Schutz von Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern (Udefegua) wurden zwischen Januar und Dezember 2020 mehr als 1.000 Fälle von Übergriffen, 15 Morde und 22 Mordversuche registriert.

Seit Jahren erlebt Codeca, genau wie andere Organisationen, die systematischen Angriffe von Staatsfunktionären. In den letzten zwei Jahren wurden 20 Codeca-Mitglieder getötet. 2020 registrierte Codeca 166 Fälle von Repression mit mindestens 662 Opfern landesweit. Laut dem Bauernkomitee des Altiplano (Ccda) werden 800 seiner Mitglieder strafrechtlich verfolgt.

200 Jahre Unabhängigkeit! Und?

Dieses Jahr feiert Mittelamerika 200 Jahre seiner Unabhängigkeit. Die indigenen Völker (und nicht nur sie) sind der Auffassung, dass es nichts zu feiern gibt.

„Für uns sind das 200 Jahre vermehrter Ausplünderung, Unterdrückung, Rassismus, Ausgrenzung, Überausbeutung, Armut und Tod. In unseren Territorien reißen sie weiterhin Land an sich, plündern Gemeingüter, beuten Arbeiterinnen und Arbeiter aus und verarmen die Gemeinden. Alles im Namen der Entwicklung. Wenn wir uns organisieren, um unsere Territorien und unsere Rechte zu verteidigen, antworten sie mit Repression und sie sperren uns ein oder töten uns.“

Deshalb, so Codeca-Sprecherin Garcia, „werden die Mobilisierungen weitergehen. Wir setzen darauf, dass wir uns alle verständigen und uns im Kampf für strukturelle Veränderungen und einen plurinationalen Staat organisieren können. Dass die Korrupten verschwinden und wir das System ändern.“

Anabella Sibrián, Leiterin der Menschenrechtsorganisation Protection International Mesoamérica, erklärt die Proteste mit dem Überdruss, der Erschöpfung und Empörung der Bevölkerung über die krasse Ungleichheit im Land. „In Guatemala erleben wir eine Gegenoffensive der Privatunternehmer, die in geheimer Absprache mit der Politik die Kontrolle über alle Institutionen übernehmen. Sie haben die Exekutive, die Legislative und jetzt auch die Judikative an sich gerissen,“ beschreibt Sibrian die Lage.

Deshalb fordern Maya und soziale Bewegungen eine Neugestaltung des Landes, eine Neugründung des Staates. Zugunsten der bisher am meisten diskriminierten und ausgeschlossen indigenen Bevölkerungsgruppen. „Es geht um eine Neugründung von unten. Es geht um eine tiefgreifende Änderung der Spielregeln, die immer und einzig die räuberischen und niederträchtigen Eliten begünstigen, die der großen Mehrheit der Guatemaltekinnen und Guatemalteken großen Schaden zugefügt haben.

Quellen: amerika21; Nachrichtenpool Lateinamerika

Indigene in Ecuador: Das Zünglein an der politischen Waage (nd aktuell) (nd-aktuell.de)

Die soziale und kulturelle Situation der indigenen Bevölkerung – GRIN

Die neuen indigenen Bewegungen Ende des 20 – Hausarbeiten.de

Indigene Bewegung in Chile – evolution-mensch.de

Indigene Emanzipations-Bewegungen in Lateinamerika | APuZ (bpb.de)

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