DIE KALTE SCHULTER – FÜR DEN VÖLKERBUND WAREN DIE INDIGENEN KEINE VÖLKER

Von Wolfgang Mayr

Vor 100 Jahren versuchten die Traditionalisten der Haudenosaunee – bekannt als Irokesen – den Völkerbund für ihr Anliegen zu gewinnen. Ein erfolgloses Unterfangen.

AktivistInnen der Haudenosaunee reisen mit einem eigenen Pass ins Ausland. Die Traditionalisten lehnen den kanadischen und den us-amerikanischen Pass ab. Sie bestehen darauf, unabhängig zu sein. Im Unabhängigkeitskrieg der englischen Siedler in Neu-England gegen das Mutterland kämpften Irokesen auf der Seite Großbritanniens. Sie waren Partner gewesen, der Krone untertan, nicht aber den europäischen Eindringlingen. Daran halten die Traditionalisten bis heute fest.

Die Haudenosaunee in Kanada wehrten sich nach dem Ersten Weltkrieg vehement gegen staatliche kanadische Übergriffe. Es war damals gängige Praxis, Kinder indigener Völker ihren Familien zu entreißen und sie in christlichen Internaten zu kasernisieren. Einer der Sprecher, Levi General, unternahm im Auftrag seines Volkes 1921 eine Reise nach London. Dort sollte Deskaheh, so der indigene Name von General, die britische Regierung und die Krone für ihr Anliegen gewinnen. Dieser Versuch scheiterte, wie auch der Gang zum Völkerbund zwei Jahre später.

Sein Besuch in der Schweiz, wo er mehr als ein Jahr blieb und gut besuchte Vorträge hielt, sorgte für ein großes mediales und politisches Aufsehen. Es kam sogar zu einem kurzen Treffen mit dem Schweizer Bundespräsidenten Karl Scheurer. Von den Verantwortlichen des Völkerbundes wurde er nicht empfangen

Der Schweizer Historiker Aram Mattioli widmete Deskaheh und den Haudenosaunee in der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine dreiteilige Serie „Keiner Nation untertan“. Mattioli schreibt, „die Idee des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ inspiriert vor 100 Jahren nicht nur den Freiheitskampf in den Kolonien. Auch in Nordamerika streitet eine indigene Gemeinschaft für ihre Unabhängigkeit – die Irokesen.“

Der Schweizer Schriftsteller Willi Wottreng greift in seinem Buch „Ein Irokese am Genfersee – eine wahre Geschichte“ auch den diplomatischen Kampf von Deskaheh auf. Eine Hommage an den  Verfechter der Unabhängigkeit seines Volkes. 1925 verstarb Deskaheh 42-jährig in seiner Heimat.

Der Schriftsteller und Autor Wottreng war in der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz aktiv und ist Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstraße, einer Nichtregierungsorganisation der jenischen Bevölkerungsgruppe.

 

 

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