Deutsch-Sorbische Lyrik: Kito Lorenc geehrt

Der sorbische Lyriker Kito Lorenc wurde am Welttag der Poesie in Berlin ausgezeichnet. Jan Diedrichsen fragt sich in seiner Kolumne, warum nicht mehr getan wird, um die sorbische Kultur und Sprache zu bewahren.

Erschienen als Kolumne VOICES – MINDERHEITEN WELTWEIT im „Der Nordschleswiger“ 

Von Jan Diedrichsen

Am Welttag der Poesie (21. März) wurde in der Akademie der Künste in Berlin der Schriftsteller Kito Lorenc (1938-2017) mit einer Archiveröffnung, Buchpräsentation und Lesung ausgezeichnet.

Es war ein erinnerungswürdiger Abend. Erinnerungswürdig, weil ein Lyriker in den Mittelpunkt gerückt wurde, dem wir unzählige wunderschöne Gedichte verdanken. Erinnerungswürdig, weil deutlich wurde, was wir zwar schon immer wussten, aber viel zu selten aussprechen, nämlich, wie viel ärmer Deutschland wäre, wenn es die Sorben, ihre Kultur und Sprache nicht geben würde. Die Heimat in zwei Kulturen und Sprachen hat das Werk von Kito Lorenc erst möglich gemacht.

Doch Gedichte zu lesen ist schöner, als über sie zu lesen:

Einseitige Linde

Ein Zwiesel ist sie.

Als sie jung war

hat man vergessen,

sie einstämmig zu ziehen.

Jetzt droht sie

zu spalten, die halbe Krone zu verlieren,

wenn nicht abzusterben

an der Wunde der Spaltung.

Zumindest wäre die Restkrone

nur einseitig gezweigt,

bis ich zu alt bin,

daß sie sich füllt

und auswächst

über mir.

Peter Handke hat zum 75. Geburtstag des Dichters 2013 gesagt: „Kito Lorenc ist ein Kind, ein Kind im umfassenden Sinn, der Landschaft an den Ostgrenzen Deutschlands, der Lausitz, oder, wie sie sorbisch anders schön heißt, der Łužica („ž“ wie das „j“ von Jeanne d’Arc), Kind der Łužica, so wie seine Poesie deren Kind ist, der Bäche, Felder, Hügelwälder, Moore und Heide dort zum einen, des Aneinanderstoßens – auch das in vielerlei Sinn – dreier Länder, eines deutschen, eines polnischen, eines tschechischen zum anderen. Seine Gedichte sind geboren aus dem sorbischen Dreiländereck, in ein paar Schlenkern oder eher Anspielungen auch aus der weniger heiteren, weniger stillen, weil weniger fruchtbaren Dreistaatenecke. Solche Gedichte wie die paar Dutzend von Kito Lorenc hat es im Deutschen noch keinmal gegeben und wird es, traurig und vielleicht gar nicht wahr, nie wieder geben, nimmermehr, nevermore“, so Handke.

Die zum Teil komisch-grotesken Verse, seine melancholischen Naturbilder werden nie langweilig, und sind Inspiration für zahlreiche deutsche und sorbische Lyriker geworden. Er stemmte sich mit seinem Schaffen auch gegen ein folkloristisches oder gar volkstümelndes Klischeebild der Sorben und konnte dabei scharfzüngig vorgehen.

Nach einem wunderbaren Abend in der Akademie der Künste in Berlin fragt man sich indigniert, warum nicht viel mehr getan wird, um die Sprachen- und Kulturvielfalt in Deutschland zu fördern. Bewusst oder unbewusst wird an der schleppenden Assimilierung, ja Vernichtung dieser Vielfalt durch Unterlassung mitgewirkt. Die Sorben sind ein Volk von 60.000 Menschen, in der Lausitz beheimatet.

Was sagt es über sie aus, dass sie Dichter wie Kito Lorenc oder auch Jurij Brězan hervorgebracht haben? Was sagt es über uns als „Gesamtgesellschaft“ aus, dass sich die Sorben gegen das Aussterben stemmen müssen? Wertschätzung, Sichtbarmachung und eine Strategie zum Schutz und wenn nötig Revitalisierung dieser Sprache und Kultur – vor allem hinreichende finanzielle Ausstattung – müssten eine Selbstverständlichkeit sein. Sind sie aber nicht. Dies zu ändern wiederum ist eine Aufgabe der „Mehrheit“, nicht der „Minderheit“ selbst – es ist die Aufgabe der Politik. Dann werden wir auch in Zukunft mit Werken wie dem von Kito Lorenc beschenkt:

Schlaflose Nacht

Regenlaub, sprich zu mir,

wärme mich, Dunkel,

lass mich sehen mit Augen,

den Atem noch spüren

unter der Haut

Nacht ohne Sterne,

sei mein Zelt,

wenn ich der Liebe gedenke.

Wiegt mich, ihr Jahre,

in euren Armen

Tausend Schmerz

will ich dann tragen.

Gib mir, Vergessen,

nur Trost, mach, Schlaf,

mir nicht Angst

Die hellen Gestalten

durchschreiten mich lächelnd,

Freunde, Verwandte –

alle leben sie, winken

grüßend herüber

Und so leicht

wird mir, ich träume

den alten Traum, träum ihn

wieder von uns, bis er

wach ist am Tag

Kaufempfehlung:

Kito Lorenc: Es war nicht die Zeit. Gedichte. Auswahl und mit einem Nachwort von Michael Krüger. Wallstein, Göttingen 2023, 163 Seiten, 22 Euro.

 

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