Der Fall Belarus: Die Revolution hat ein multinationales weibliches Gesicht

Von Wolfgang Mayr

Die westeuropäische Öffentlichkeit, besonders Teile der Linken, tat sich schon mit der ukrainischen Maidan-Revolution schwer. Sie wurde kurzerhand als nationalistisch und antisemitisch abgetan, ausgerechnet von der deutschen linken Szene.

Ähnlich erging es der belarusischen Protestbewegung im Sommer 2020. Staunend verfolgten die auf hohem Niveau jammernden Westeuropäer die riesigen Kundgebungen gegen Diktator Lukaschenko. Er ließ gegen die friedlichen DemonstrantInnen schwarzuniformierte Sondereinsatz-Polizisten ausrücken. Olga Shparaga, sie lehrte Philosophie am European College of Liberal Arts in Minsk, widmete den vielen Frauen, die die Proteste organisierten und koordinierten, ihr Buch „Die Revolution hat ein weibliches Gesicht – Der Fall Belarus“ bei Suhrkamp.

„Was sich seit den Präsidentschaftswahlen am 9. August 2020 in Belarus abspielt, geht über eine regionale Protestbewegung gegen gefälschte Wahlen weit hinaus. In Minsk und vielen anderen Städten des weithin unbekannten Landes zwischen Russland und der EU wird Geschichte geschrieben. Weiblich, friedlich, postnational,“ schreibt Shparaga über die Umwälzung in ihrem Land.

 

Nationalbesoffener Protest?

Die westeuropäischen Kritiker, insbesondere die deutschen, charakterisierten die belarusische Protestbewegung als national besoffen, weil anti-russisch hinter den pro-europäischen Bekundungen. Diesen Unterstellungen widerspricht Olga Shparaga, der Bewegung gelang stückweise die Überwindung des nationalen Diskurses, so der Titel ihres Schlusskapitels.

Die Mehrheit der belarusischen Bevölkerung spricht – ähnlich wie in der Ukraine – eine russische Umgangssprache. Die Folge der russischen Assimilierungspolitik der Stalin-Ära. Trotzdem, russischsprechende UkrainerInnen und BelarusInnen, beharren auf ihre nationale Identität und Eigenstaatlichkeit.

Die Geschichte von Belarus ist eine lange Geschichte von Unterordnung und Anpassung, von Assimilierung und Ausrottung. Im Mittelalter war Belarus Teil des litauischen Großfürstentums, in dem polnisch die Amtssprache war. Nach der bolschewistischen Revolution 1917 erklärte sich Belarus als eigenständige Nation. In der Folge des polnisch-bolschewistischen Krieges 1919 besetzte Polen große Teile von Belarus und der Ukraine. Die polnischen Nationalisten gingen rabiat gegen Belarusen und Ukrainer vor.

Die beiden Diktatoren Hitler und Stalin einigten sich mit ihrem Abkommen 1939 darauf, sich das östliche Mitteleuropa aufzuteilen. In Klartext hieß dies Massenmorde und Vertreibungen, Polen, Belarus und die Ukraine wurden zu den „Bloodlands“, so der us-amerikanische Historiker Timothy Snyder.

Die Wehrmacht Nazi-Deutschlands und die Waffen-SS verwandelten auf ihrem Vormarsch nach Russland Belarus in ein Schlachthaus. Ein Viertel der Bevölkerung wurde ermordet. Obwohl die Deutschen zuerst von den Belarusen als Befreier von den Bolschewiken empfangen wurden. Nach der deutschen Niederlage verfolgte die Rote Armee und der sowjetische Geheimdienst angebliche belarusische Kollaborateure.

 

Stalinistische Sprachdiktaur

Nach dem Sieg der Roten Armee entstand die belarusische Sowjetrepublik, die sich Ost-Polen einverleibte. In diesem Grenzland stellten die Polen ein Drittel der Bevölkerung, der polnische Zuwachs war die Folge der gezielten polnischen Ansiedlung durch die Warschauer Regierung. Stalin seinerseits handelte nach der Blaupause des Hitler-Stalin-Abkommens und ließ Polen aus Belarus vertreiben. Ein Teil verblieb im Land, die Vertriebenen mussten westwärts ziehen, in die ehemaligen deutschen Ostgebiete, die von polnischen Kommunisten und Nationalisten ethnisch gesäubert wurden. Trotz dieser brutalen ethnischen Säuberungen war die belarusische SSR nicht ein Land einer homogenen Nation.

In der kommunistischen Ära war die belarusische SSR fest in der Hand der russischen Zentrale in Moskau. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion, nach dem Putsch stalinistischer Offiziere gegen KP-Chef Gorbatschow, konnten sich die einverleibten Länder wie das Baltikum, die Ukraine und Belarus von der Moskauer Vorherrschaft befreien.

Im Baltikum, in der Ukraine und in Belarus besannen sich die Menschen auf ihr sprachliches und kulturelles Erbe. Russisch war die Sprache der Revolution, des kommunistischen Staates, der Diktatur, der Gulags und des Geheimdienstes. Die Amtssprache wurde behördlich durchgedrückt. So kommt es, dass in der Ukraine wie auch in Belarus die russische Sprache die Mehrheitssprache ist.

 

Duale Identität

Auch der Vater der Unabhängigkeit, Diktator Lukaschenko, ein treuer Gefolgsmann Moskaus, setzte vor 30 Jahren auf die belarusische Nation und Identität. Wie sich jetzt herausstellt, ein Instrument der Herrschaft. Die meist von Frauen getragene Protestbewegung gegen Lukaschenko und seinen Apparat verzichtete auf nationales Pathos, bekannte sich zur ethnischen und kulturellen Vielfalt von Belarus. Olga Shparaga widmet in ihrem Buch dieser Entwicklung gleiche mehrere Kapitel. Die Protestbewegung befindet sich auf dem Weg in eine postnationale demokratische Zukunft, „die Leute sprechen die Sprache ihres Alltags, ohne damit ein Bekenntnis zur Nation zu verbinden,“ erklärt Shparaga. Statt national definierte Belarusen zu sein, entdeckten die Lukaschenko-Gegner den alten Begriff „Hiesigsein“, die „Leute von Hier“. Das unterscheidet die inzwischen zerschlagene Bewegung von früheren Protesten, die sprachlich-kulturell geprägt waren.

Die von den Frauen angeführte Protestbewegung setzte auf die Formel Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit. Diese Formel bringt zum Ausdruck, erläutert Shparaga, „dass verschiedene Gruppen in ihrem Kampf für die Freiheit unterschiedliche Bedingungen haben.“ Die Bewegung widerspiegelt somit die inhomogene, aus vielen Gruppen bestehende Gesellschaft, die sich auf die Solidarität in der eigenen Gruppe und zwischen den Gruppen stützen kann. Frauen, LGBTs, Senioren, Menschen mit Behinderungen, sprachliche und religiöse Minderheiten. „Sie zu berücksichtigen ist die Voraussetzung dafür, dass alle Stimmen in der Gesellschaft gehört werden, nicht nur die privilegierten Bürger und Gruppen,“ schreibt Olga Shaparaga: „Es geht dabei auch um die Frage, inwieweit diese Berücksichtigung von Unterschieden in den Begriff der Nation oder der nationalen Gemeinschaft eingeht.“

 

Multinationales Erbe

Die Kulturszene greift wieder verstärkt auf die belarusische Sprache zurück, die aber nicht zur Abgrenzung dient zwischen echten – also belarusischsprachigen – und falschen – russischsprachigen – Belarusen. Die Anti-Lukaschenko-Bewegung bezieht sich auf das gesamte bunte belarusische Erbe, das das jüdische, das polnische, das russische und das tatarische miteinschließt. Das Lukaschenko-Regime ging bei der Niederschlagung auch gegen die Minderheiten vor, besonders hart gegen die polnische Volksgruppe im westlichen Belarus.

Die Sprache trennt nicht, ist Shparaga überzeugt und zitiert die Soziologin Oskana Shelest. Diese stellte fest, dass die Protestteilnehmer zwar überwiegend Russisch sprachen, aber niemand Probleme damit hatte, auf diejenigen einzugehen, die Belarusisch sprachen und umgekehrt. Die rot-weiß-rote Protestfahne verbindet die unterschiedlichen Menschen, sie wird aber nicht als die Nationalflagge empfunden, sondern als Flagge des Protestes gegen Lukaschenko und sein korruptes und bürokratisches Regime.

Trotzdem bleibt die Stärkung der belarusischen Sprache auch ein Ziel der Bewegung. Nur mehr ein Bruchteil der Belarusen spricht die belarusische Sprache. Kein Wunder, wurde sie doch über die vielen Jahrhunderte hinweg verfolgt. Allein in der jüngeren Geschichte wurde das Belarusische unterdrückt. So ging Polen in der Zwischenkriegszeit vehement gegen diese Sprache vor, genauso die NS-Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg. Das Stalin-Regime verbannte das Belarusische aus der Öffentlichkeit.

In der Ära Gorbatschow forderte die Nationalbewegung und die Belarusische Volksfront eine sprachliche Wiederbelegung. Besonders die nationale Opposition drängte und drängt auf die staatliche Exklusivität der belarusischen Sprache, wie in der Verfassung von 1994 – bei der Unabhängigkeit – vorgesehen. Bei seinem Wahlkampf damals warb auch Lukaschneko für das Belarusische, um dann nach seinem Wahlsieg alle Sprachgesetze zur Förderung des Belarusischen abzuschaffen. Mit einem Referendum 1995 nahm Lukaschenko dem Belarusischen den Status der einzigen Staatssprache.

Belarusisch gilt an Schulen mit russischer Unterrichtssprache als obligatorische zweite Muttersprache. Reiner Schein. Fakt ist auch, 2017 ging nur einer von zehn Schülern auf eine Schule, in der das Belarusische Unterrichtssprache ist. BürgerInnen, die ihre belarusische Muttersprache verwenden wollen, bekommen Probleme mit den Behörden. Diese verweigern Formulare und Briefe auf Belarusisch. Das Unterrichtsministerium ließ Klassen mit Unterrichtssprache Belarusisch schließen, weil es angeblich kaum Interesse gab.

Doch viele Menschen wehren sich gegen den Verlust der belarusischen Sprache, diese Menschen sehen sich als Europäer und träumen davon, schreibt Shparaga, dass „der belarusische Bauer auf seinem Fleckchen Land leben kann, ohne Herren, der ihn knechtet, bescheiden, ehrlich und zivilisiert“.

Mit der Niederschlagung der meist von Frauen angeführten Protestbewegung ist auch die sanfte nicht nationalistische Renaissance des Belarusischen gestoppt worden.

 

Shparaga: „Die Revolution hat ein weibliches Gesicht“ – ZDFmediathek

Die Debatte mit Natascha Freundel, Felix Ackermann und Olga Shparaga – Belarus – Die Revolution der Anderen? | rbbKultur (rbb-online.de)

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Offener Brief an die Protestierenden in Belarus | Telepolis (heise.de)

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Aufmischer und Einmischer in BELARUS: DIE LINKE. Kommunistische Plattform (die-linke.de)

 

 

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