Chronist des Missbrauchs

In seinem beim Wieser-Verlag in Klagenfurt/Celovec erschienen Roman Maikan erzählt der Innu-Autor Michel Jean eine finstere Geschichte über die katholischen Schulen in Kanada.

Von Wolfgang Mayr

Durch die Funde von 1000 Überresten von Leichen indigener Kinder in Massengräbern in der Nähe ehemaliger Umerziehungsinternate 2021 und Anfang 2022 bekommt dieser erschütternde Roman „Maikan“ noch einmal eine neue Aktualität und Brisanz. 

Der 1960 in der Gemeinde Mashteuiatsh am Lac Saint-Jean (Québec) geborene Jean wendet sich in seinem bereits 2013 erschienenen Roman einer der finstersten Perioden der Geschichte Kanadas zu, die bis heute nicht wirklich aufgearbeitet ist.

Ein Buch, das der Papst lesen sollte, der derzeit in Kanada um Aus- und Versöhnung bei den verschiedenen indigenen Völkern bittet. Miles Morrisseau von der Métis Nation begleitete für Indian Country Today die Abbitte-Tour des Papstes.

Morrisseau zitiert in seinen Artikeln für ICT Betroffene des Missbrauchs, Überlebende der katholischen Assimilierungsschulen, Angehörige wie Mavis LongJohn. Er besuchte die St. Michael’s Indian Residential School in Duck Lake, Saskatchewan, und trägt nicht nur die eigene Geschichte, sondern auch die der Eltern und der verstorbenen Schwester.

„Ich schaute auf den Boden herab, weil meine verstorbenen Eltern auch Überlebende der Internatsschule waren. Ich hatte eine ältere Schwester, die 1996 verstorben ist und nicht hören kann, was der Papst gesagt hat. Meine Mutter ist vor zwei Wochen gestorben – sie war 91 Jahre alt – und sie konnte dieses Ereignis nicht erleben, aber hoffentlich schaut sie von der Geisterwelt herab.“

Die Entschuldigung des Papstes erntete Applaus von den Tausenden von Menschen, die sich in Maskwacis auf dem Gelände der ehemaligen Ermineskin Indian Residential School versammelt hatten. Viele weinten. Für einige reichte die Entschuldigung nicht. Denn, es sind Generationen, die durch das Trauma der Internatsschulen verloren gegangen sind. Tausende wurden in unmarkierten Gräbern verscharrt.

Der Cree Wilton Littlechild von der Konföderation der sechs First Nations war Mitglied der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission, sagte, die Entschuldigung sei wichtig für viele Überlebende von Internatsschulen wie ihn. Littlechild hatte als Kommissionsmitglied  Zeugenaussagen von Hunderten von Überlebenden angehört.

Mehr als 150.000 indigene Kinder in Kanada wurden ihren Familien enteignet und gezwungen, staatlich finanzierte katholische Schulen zu besuchen. Das war Programm, die Kinder wurden damit von ihren Familien, Traditionen und ihren Sprachen getrennt.

Die Missionare der katholischen Kirche betrieben mehr als als die Hälfte der 139 Internatsschulen in Kanada und mehr als ein Viertel der mehr als 400 Internatsschulen in den Vereinigten Staaten. Tausende weitere besuchten kirchliche Schulen.

Die Schulen dienten dazu, die Kinder in die Mainstream-Gesellschaft zu assimilieren: Haare geschnitten, geschlagen, wenn sie ihre Sprache sprachen und sie wurden körperlich oder sexuell Missbrauch. Viele von ihnen starben in der Schule, wurden dort klammheimlich vergraben.

Dafür entschuldigte sich Papst Franziskus auf seiner sechstägigen „Bußwallfahrt„, die ihn in die Heimatländer der drei indigenen Gemeinschaften Kanadas – First Nations, Métis und Inuit – führte. Die lang erwartete Entschuldigung befeuerte den Ruf nach Wiedergutmachung für das begangene und erlittene Unrecht.

Die Sprecherin der Versammlung der First Nations, RoseAnne Archibald, zeigte sich enttäuscht über die Papst-Rede. Besonders darüber, dass der Papst auch über die angebliche Entdeckung von Amerika schwadroniert, kein Wort darüber verlor, dass diese angeblichen Entdecker Stammesland raubten.

Archibald sagte, sie habe die Entschuldigung, die sie und andere hören wollten, nicht gehört.“Ich hörte ihn nicht ausdrücklich sagen, dass er sich entschuldigte und im Namen der katholischen Kirche sagte: ‚Es tut mir leid'“, sagte Archibald. „Er sprach wieder über Übel, die von Christen begangen wurden, er sprach davon, dass er nicht mit den Lehren Jesu übereinstimmte, aber ich hörte es nicht klar … Ich hatte wirklich gehofft, dass diese Worte herauskommen würden, dass ‚es mir leid tut, was die katholische Kirche als Institution getan hat, um Ihre Gemeinschaften und Ihre Familien zu zerstören‘, und das habe ich nicht gehört.“

„Die katholische Kirche hält wichtige Aufzeichnungen über Internate zurück, die dazu beitragen können, die Wahrheit ans Licht zu bringen“, schreibt Fawn Sharp vom National Congress of American Indians. „Wir können Täter nicht zur Rechenschaft ziehen, Wiedergutmachung für erlittenes Leid fordern, … bis wir die vollständige, unverfälschte Wahrheit kennen – die Wahrheit, die die katholische Kirche aktiv zurückhält. Es ist entscheidend, dass wir kirchliche Unterstützung und Partnerschaft haben, um daran zu arbeiten, die Wahrheit ans Licht zu bringen.“

Michel Jean bringt mit seinem Roman „Maikan“ die Wahrheit in die Öffentlichkeit, so wie es auch Richard Wagamese mit seinem düsteren Roman „Der gefrorene Himmel“ versucht hatte.

Nach einem Studium der Geschichte und Soziologie arbeitet Jean seit 1988 als Journalist und Moderator für die französischkanadischen Fernsehsender Radio Canada Info und, seit 2005, TVA Nouvelles. Er ist mit acht Romanen und zwei Anthologien mit Erzählungen indigener AutorInnen aus Québec einer der wichtigsten indigenen Autoren Québecs.

Im Oktober 2021 erschien sein Roman Tiohtiá:ke (Montréal in der Sprache der Mohawk). Sein Roman Kukum verkaufte sich weit über 100.000 Mal in Québec und wurde im Herbst 2020 mit dem renommierten Prix littéraire France-Québec und im Herbst 2021 mit dem erstmals verliehenen Prix littéraire Nature Nomade ausgezeichnet.

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