Bosnien – Das europäische Versagen

Von Wolfgang Mayr

Nicht nur Afghanistan hat der Westen verraten. Die westlichen Länder ließen die demokratischen Kräfte in Nord-Afrika im Stich. In Syrien kündigte der ehemalige US-Präsident Trump das Bündnis mit den kurdisch-arabischen Milizen der SDF auf. Hilflos schaute Europa zu, wie Russland die politische Karte im Kaukasus neu zeichnete. Achselzuckend nahm Europa die russische Annektion der Krim und den russischen Eroberungskrieg in der Ost-Ukraine zur Kenntnis. Besonders krass war das europäische Scheitern auf dem Balkan. Eine Blaupause für den Rest.

In Bosnien hat Europa den Frieden verspielt, der Titel des Buches von Christian Schwarz-Schilling über das europäische Versagen auf dem Balkan. Die Alliierten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges stellten sich schützend vor Serbien, das mit der Ethnisierung den Zerfall Jugoslawiens beschleunigte. Frankreich und Großbritannien zeigten mehr Sympathie für die serbischen Eroberungskrieger, kaum Empathie für deren kroatische und bosnische Opfer.

Teile der Linken und der Pazifisten trugen auch dazu bei, die Aggressoren zu stärken. Bosnien, das Opfer der serbischen Nationalisten, sollte mit einem Waffenembargo belegt werden. Um den Krieg zu unterbinden. Bosnien wurde damit wehrlos den serbischen Gewalttätern überlassen.

In Deutschland erfanden Sozialdemokraten und FDP verfassungsrechtliche Bedenken, um den bosnischen Opfern nicht helfen zu müssen. Europa schaute zu, auch die hochgerüstete Nato, wie vor der Haustür Menschen gefoltert, Frauen vergewaltigt und natürlich „Europäer“ ermordet wurden, schreibt Christian Schwarz-Schilling. Niemand wollte sich in „interne Angelegenheiten“ einmischen. Lieber schaute „man“ dem Abschlachten und dem Vertreiben zu.

Elie Wiesel rüttelt auf

Es musste ein Auschwitz-Überlebender eine aufrüttelnde Rede halten. Am 22. April 1993 eröffnete in Washington das beeindruckende United States Holocaust Memorial Museum. Anwesend war die politische Elite der Welt. Gastredner war Elie Wiesel, der 1978 von US-Präsident Carter damit betraut wurde, das Museums-Projekt umzusetzen. Wiesel und seine Botschaft blieb nicht ohne Wirkung; „I have been in the former Yougoslavia last fall. I cannot sleep since for what I have seen. As a Jew I am saying that we must do something to stop the bloodshed in that country!” Mit seiner klaren Ansage vermasselte Wiesel den Mächtigen der Welt das rituelle Gedenken an den Holocaust.

Der damalige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des US-Senats, Joe Biden, stellte klar, dass es sich in Jugoslawien nicht um einen Bürgerkrieg handelt, sondern um einen serbischen Angriffskrieg. Dieser brutal geführte Angriffskrieg muss gestoppt werden, appellierte Biden an den Senat. Biden griff die Rede von Elie Wiesel auf: „The Holocaust Memorial Museum will symbolize either our hypocrisy or our remembrances and resolve”.

Während sich die europäischen Politiker wegduckten, meldete sich die Zivilgesellschaft zu Wort. Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper brandmarkte das europäische Wegschauen als ein Versagen der Politik. Er rief dazu auf, militärisch einzugreifen, Bosnien zu bewaffnen, denn nichts tun wäre eine selbstmörderische Dummheit. Popper erwähnte auch, dass einige der westlichen Staatsmänner auf der Seite der Angreifer stünden.

Der französische Philosoph Andre´ Glucksmann geißelte die Unentschlossenheit und Unmoral der westlichen politischen Elite. GfbV-Gründer Tilman Zülch skizzierte in seinem Buch „Ethnische Säuberungen – Völkermord für Großserbien“ die Politik des „Greater Serbia“, „make Serbia greater again“. Dem amerikanischen Politikwissenschaftler Albert Wohlstetter gelang es, für seinen Offenen Brief an US-Präsident Clinton namhafte Persönlichkeiten wie George Soros, Karl Popper, Margareth Tatcher, Bassam Tibi, Christian Schwarz-Schilling und noch viele andere zu gewinnen. Kernaussage des Briefes: „Violent border changes and ethnic cleansing will not stand”.

Tilman Zülch und der GfbV gelang es damals, mehr als 50.000 bosnische Demonstranten zu organisieren, die ein westliches Eingreifen forderten, um den Krieg, um das Morden, das Vergewaltigen und die Vertreibung zu stoppen.

Fatale Besserwisserei

Trotzdem, die europäischen Spitzenpolitiker zeigten sich davon wenig beeindruckt, genauso wenig beeindruckt wie die serbischen Kriegsherren. Schwarz-Schilling kritisierte die angebliche europäische Neutralität als eine fatale Besserwisserei mit tödlichen Folgen für die bosnischen Bevölkerung. Große Teile der Linken und Liberalen verstummten, wurde aber laut, als die Nato unter der Führung Angriffe auf Serbien flog. Tausende Pazifisten marschierten auf den Straßen, warnten vor dem Nato-Krieg. Bis dahin hatten liberale und linke Kreise kein Wort über das Abschlachten der Menschen in Bosnien durch serbische Milizen und Militärs verloren.

„Lessons learned“, fragt sich Schwarz-Schilling in seinem Buch „Der verspielte Frieden in Bosnien“. Nein, ist das Fazit. Schwarz-Schilling spricht von „Westlessness“, vom verlorengegangenen Westen. Vor allen Krisen schreckte der Westen zurück, die verschiedenen Münchner Sicherheitskonferenzen sind der Beleg dafür. Der große Fehler in dieser Entwicklung wurde im Jugoslawien-Krieg verbrochen, analysiert Schwarz-Schilling. Europa schaute zu, wie Serbien Ende der 80erJahre den jugoslawischen Vielvölkerstaat in einen serbisch-ethnisch dominierten Zentralstaat umbauen wollte. „Es wäre Aufgabe und Pflicht Europas gewesen, den kriegerisch-geopolitischen Gelüsten Serbiens schnellstens Einhalt zu gebieten,“ ist sicher Schwarz-Schilling sicher.

In Bosnien setzten sich die serbischen Kriegsherren mit ihren ethnischen Säuberungen durch, festgeschrieben im Dayton-Abkommen. „Und so schreitet der Erosionsprozess des Westens unverändert fort,“ Schwarz-Schilling als Prophet, siehe Ukraine, Kaukasus, Syrien, Nordafrika und jetzt Afghanistan.

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28C-6e-20150306161445 (gfbv.de)

Kriegsverbrechen: Was jeder wissen sollte, von Roy Gutman, David Rieff, 3.12.2003 (gfbv.it)

Genozid: Deutsche Linksradikale und die Leugnung von Völkermordverbrechen, von Wolfgang Mayr, Januar 2007 (gfbv.it)

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