Aserbaidschanische Waffenstillstandsverletzungen

Der Präsident von Arzach, Arajik Harutjunjan, hat eine Teilmobilmachung angeordnet. 

Von Tessa Hofmann

Dem aserbaidschanischen Angriff auf Arzach vom 3. August gingen in der Vorwoche mehrere Waffenstillstandsverletzungen voraus. Nach Angaben der Arzacher Verteidigungsarmee beschossen aserbaidschanische Streitkräfte vom 27. bis 28. Juli 2022 20 Minuten lang Stellungen der Arzacher Einheiten unweit der Dörfer Tonaschen, Karmir Schuka sowie Taraward in der Region Martuni. Dem Arzacher Menschenrechtsaktivisten Geram Stepanjan zufolge gingen dabei Fenster eines Wohnhauses in Karmir Schuka zu Bruch, und in einem Hof wurden acht Kugeln gefunden.

Das Verteidigungsministerium der Republik Armenien beschuldigte außerdem das aserbaidschanische Militär, ebenfalls am 28. Juli armenische Stellungen im östlichen Teil der armenisch-aserbaidschanischen Grenze beschossen zu haben. Aserbaidschanische Medien veröffentlichten Aufnahmen eines Drohnenangriffs auf eine armenische Stellung.

„Aserbaidschan unternimmt offensichtlich Schritte gegen Russland, einschließlich der Waffenlieferung an die Ukraine“, sagt der Politikwissenschaftlicher Stepan Danieljan. „Tatsächlich hat der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew die Taktik seines Amtskollegen Erdoğan nachgeahmt und provoziert Moskau, um seine Ziele zu erreichen.“ Die Aktionen Bakus zielten seiner Meinung nach auf die Verdrängung Russlands aus der Südkaukasus-Region ab. Der politische Analyst Benjamin Porosjan führt dagegen die jüngste Eskalation Aserbaidschans auf eine „gewisse Frustration in den armenisch-aserbaidschanischen Verhandlungen“ zurück. „Wahrscheinlich hat Armenien einige Forderungen Aserbaidschans nicht akzeptiert oder abgelehnt. Jetzt ist die aserbaidschanische Regierung zweifellos frustriert“, äußerte Porosjan gegenüber CivilNet.

Zugleich ist eine Annäherung der aserbaidschanischen Schutzmacht Türkei an Russland, der vermeintlichen Schutzmacht Arzachs, zu verzeichnen. Das politisch isolierte Russland braucht offensichtlich den türkischen Präsidenten Erdoğan, der sich soeben als Vermittler im russisch-ukrainischen Getreidekonflikt international einen Namen gemacht hat, in der Außen- und Energie- und Kriegswirtschaft als Partner. An den westlichen Sanktionen gegen Russland beteiligt sich das NATO-Land Türkei nicht. Nach einem Treffen Putin-Erdoğan in Teheran im Juli treffen sich beide Staatsoberhäupter heute erneut, diesmal im russischen Sotschi. Als Gewinnler des Ukrainekrieges dürfte Erdoğan in der Lage sein, gegenüber seinem russischen Amtskollegen türkische Wünsche und Forderungen durchzusetzen, nicht nur im Hinblick auf Syrien. Erdogan hätte gern grünes Licht aus dem Kreml, um in Syrien eine Militäroperation gegen die Kurden zu starten. Bislang lehnten Moskau und auch Teheran dies ab.

Auch wenn es aktuell ruhig an den Grenzen Aserbaidschans zu Armenien und Arzach ist, hält dort die prekäre Lage an. Der Präsident von Arzach, Arajik Harutjunjan, hat deshalb eine Teilmobilmachung angeordnet.

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