Aktionär und Visionär

Der Inupiaq Brendon Doyle über die Zukunft der indigenen Aktiengesellschaften in Alaska.

Brandon Doyle

Von Wolfgang Mayr

In Alaska zählt der US-Census 231 anerkannte indigene Bevölkerungsgruppen. Diese erhielten anfangs der 1970er Jahre über den Alaska Native Claims Settlement Act der Nixon-Regierung Landgarantien und eine Art Autonomie. Die indigenen Gemeinschaften verwalten ihr eigenes Land, das sich nicht in US-Treuhand befindet, sondern im Besitz der Körperschaften und der Aktionäre. Umstritten bis heute, es dürfen nur Inuit und Indianer Aktionäre werden, die mindestens ein Viertel „indigenes Blut“ vorweisen können. Brendon Doyle will diese Hürde abschaffen. Das ethnische Bekenntnis ist frei, wirbt er für eine neue Regelung.

„Es gibt so viele Möglichkeiten, indigen zu sein,“ ergänzt Cordelia Qiġñaaq Kellie, einInupiaq. Sie verweist auf die indigene Vielfalt in Alaska, die wiederum einer ständigen Veränderung ausgesetzt ist. Beschleunigt wurde diese durch den Alaska Native Claims Settlement Act, Beispiele dafür gibt es genügend, schreibt Kellie.

Anlässlich des 50. Geburtstages der ANCSA im Dezember 2021 publizierte Indian Country Today eine Serie über die Geschichte des Alaska Native Claims Settlement Act, über die Auseinandersetzungen in den indigenen Gemeinschaften, über die Akteure in diesem Versuch, die Indianer-Politik neu zu definieren. Zu Wort kamen Älteste, die für Landrechte kämpften, Führungskräfte der Land-Körperschaften und Aktionäre. Wie Brendon Doyle, „der die Ureinwohner Alaskas zu den anpassungsfähigsten und genialsten Menschen auf dem Planeten“ zählt.

Doyle, dessen Inupiaq-Name Ashaana Killbear ist, stammt aus Anchorage, arbeitet bei JL Properties, Inc. | First Alaskan Capital Partners und ist Aktionär der Arctic Slope Regional Corporation sowie der Ukpeaġvik Iñupiat Corporation.

ICT: Was sind die größte Herausforderung für die Ureinwohner Alaskas in den nächsten Jahren?

Doyle: Die umstrittene Regelung des „Blutquantums“ (die US-Behörden legen aufgrund des Blutanteils fest, wer Indianer ist und sein darf). Die Alaska Native Corporations wurden gegründet, um das Leben aller ihrer Aktionäre zu verbessern, einschließlich derjenigen, die weniger als ein Viertel indigenes Blutquantum haben. Es gibt nicht Natives, die mehr oder weniger Ureinwohner sind. Diese Blut-Regelung muss fallen. Die damit verbundene Verweigerung von Ressourcen schadet uns als Volk.

ICT: Wie könnte eine Reform erreicht werden?

Doyle: Der erste Schritt zu einer Lösung besteht immer darin, anzuerkennen, dass es ein Problem gibt. Einige Körperschaften wie Sealaska haben sich damit auseinandergesetzt und suchen Schritte zur Lösung des Problems im Austausch mit ihren Aktionären. Zielführender ist es, wenn die Ureinwohner Alaskas an einem Thema zusammenarbeiten, wie sie es mit ANCSA getan haben. Notwendig sind gemeinsame Anstrengung von regionalen, dörflichen und Stammeseinheiten für eine Lösung, die für alle Ureinwohner Alaskas am besten ist.

ITC: Gab es gemeinsame und auch erfolgreiche Anstrengungen der Alaska Native Corporations und der Alaska Native Tribes?

Doyle: Ja, die Hochschulausbildung für Ureinwohner-StudentInnen, gefördert mit Stipendien oder Praktikumsprogrammen. Ich glaube, dass die Gemeinschaft der Ureinwohner durch die Förderung des akademischen Erfolgs nur stärker wird.

ICT: Auf was sollen sich die Alaska Native Corporations vermehrt konzentrieren?

Doyle: Die Corporations sollen enger zusammenarbeiten. Als die ANCSA in Kraft trat, spaltete sie die Gemeinschaft der Ureinwohner in vielerlei Hinsicht. Die Ureinwohner konkurrierten untereinander, obwohl sie die gleichen Ziele vertraten. Die Ressourcen, von denen wir profitieren, schwinden, deshalb ist es unerlässlich, dass wir zusammenarbeiten für eine bessere Zukunft für alle Ureinwohner, nicht nur für eine Region oder ein Dorf.

ICT: Bei ANSCA geht es nicht nur um Geschäft, sondern auch um Kultur. Und zwar?

Doyle: 2020 nahm ich am Sommer-Programm des First Alaskans Institute teil. Da ich außerhalb meiner Herkunfts-Region geboren und aufgewachsen bin, war es eine bedeutende Erfahrung. Es ging um die kulturelle Wiederverbindung, um Sprachunterricht, um den Dialog mit einigen Persönlichkeiten, die für ANSCA gekämpft haben, um Gespräche mit weiteren engagierten Ureinwohnern. Ich habe mich noch nie so eng mit meiner indigenenKultur verbunden gefühlt.

ICT: Und was haben Sie gelernt?

Doyle: Die wichtigste Lektion, die ich von den Ältesten gelernt habe, ist die Notwendigkeit, in einer sich ständig verändernden Umgebung anpassungsfähig zu sein. Die Ureinwohner Alaskas gehören zu den anpassungsfähigsten und genialsten Menschen. Das wurde deutlich, als ANCSA in Kraft trat. Dieser Act erforderte einen monumentalen gesellschaftlichen Wandel. Ein Satz, den ich öfters gehört habe, beschreibt treffend diesen großen Wandel: Die Gesellschaft hat uns gesagt, dass wir ein Unternehmen sind und wie eines handeln sollen. Es wäre, als würde man einen Haufen Wall-Street-Leuten unten in der Arktis sagen: Geht einen Wal fangen.

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