Afghanistan ein Vielvölkerstaat: Taliban und der Widerstand der Tadschiken

Jan Diedrichsen

Russland fordert Tadschikistan und die neuen Machthaber in Afghanistan zur Mäßigung auf. Es häufen sich Berichte, dass die Taliban und der tadschikische Präsident Emomali Rahmon Truppen an die rund 1400 Kilometer lange gemeinsame Grenze verlagern, so berichtet zumindest die russische Nachrichtenagentur TASS vergangene Woche aus dem Außenministerium in Moskau.

Afghanistan ein Vielvölkerstaat

Die ethnischen Tadschiken machen mehr als ein Viertel der Bevölkerung Afghanistans aus. Die Taliban-Anhänger gehören überwiegend der größten ethnischen Gruppe, den Paschtunen, an.

Afghanistan ist eine multiethnische und überwiegend stammesbezogene Gesellschaft. Die Bevölkerung des Landes setzt sich aus zahlreichen Gruppen zusammen: Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Aimaq, Turkmenen, Belutschen, Pashai, Nuristani, Gujjar, Araber, Brahui, Qizilbash, Pamiri, Kirgisen, Sadat und andere.

Die geografische Verteilung der großen Ethnien ist ebenfalls vielfältig, mit einigen Schwerpunkten: Paschtunen beispielsweise leben vor allem im Süden Afghanistans und in Teilen des Ostens, aber auch anderswo gibt es große Minderheiten. Tadschiken leben vor allem im Nordosten des Landes, bilden aber auch anderswo, z. B. im Westen Afghanistans, große Gemeinschaften. Hazaras leben vor allem in der Region Hazarajat in Zentralafghanistan, während Usbeken vor allem im Norden des Landes leben.

Die Stadt Kabul beispielsweise gilt als „Schmelztiegel“, in dem große Teile der wichtigsten ethnischen Gruppen leben, wenn auch traditionell mit einer ausgeprägten „Kabuli“-Identität.

Die Provinzen Ghazni, Kunduz, Kabul und Jowzjan sind für ihre ethnische Vielfalt bekannt.

 

Der tadschikische Präsident Emomali Rachmon weigert sich bislang, das von den Taliban ernannte Kabinett in Kabul anzuerkennen. Er hat sich in den Medien über die Menschenrechtsverletzungen der Taliban echofiert. Die Taliban wiederum haben die Machthaber in der Hauptstad Duschanbe vor einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans gewarnt.

Der selbst autokratisch regierende und gegen Oppositionelle sowie Kritiker hart zuschlagen lassende Präsident Rahmon hat die Taliban wiederholt für ihr Vorgehen kritisiert und mehr Rechte für die Tadschiken in Afghanistan gefordert. Die Machthaber in Tadschikistan machen auch kein Geheimnis aus der Unterstützung für die Nationale Widerstandsfront Afghanistans, die einzige Kraft, die sich den Taliban in der Provinz Panjshir entgegenstellte. Die Mehrheit der Bevölkerung von Panjshir, einer 130 Kilometer langen Schlucht, in der die Anführer des Widerstands agierten, ist ebenfalls tadschikischer Abstammung. Nachdem die Taliban einen Angriff auf das Tal gestartet hatten, flohen der Widerstandsführer Ahmad Massoud und der ehemalige Vizepräsident Amrullah Saleh  nach Duschanbe, wo sie sich einer wachsenden Zahl von afghanischen Exilanten angeschlossen haben und den weiteren Widerstand planen.

Tadschikistan ist der kleinste Nachbar Afghanistans und das ärmste Land in Zentralasien. Als solches wäre es ein relativ leichtes Ziel für die Taliban. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die Taliban mit Angriffen über die Grenze agieren werden, da dies schwerwiegende Auswirkungen auf die Beziehungen zu Russland haben dürfte. Die harte Haltung Tadschikistans gegenüber den Taliban wurde höchstwahrscheinlich mit Moskau abgestimmt. Der Kreml spielt in Afghanistan – wie so oft – ein doppeltes Spiel. Russland hielt mehrere Treffen mit Taliban-Führern ab und schloss im Gegensatz zu vielen westlichen Ländern nie seine Botschaft in Kabul. Dennoch führt Moskau die Taliban weiterhin als eine terroristische Organisation. Darüber hinaus rüstet Russland Tadschikistan auf und schickt zusätzliche Truppen und militärische Ausrüstung zu seinem dortige Stützpunkt.

Die FAZ berichtete am 23. September 2021 in ihrer Printausgabe („Unerschütterliche Ablehnung“ von Othmara Glas) ausführlich über die Kritik Tadschikistans an den neuen Machthabern in Kabul. Nur eine Handvoll Minister des 50-köpfigen neuen Kabinetts in Kabul sei mit ethnischen Tadschiken besetzt. „Die von den Taliban angekündigte Zusammensetzung der Übergangsregierung berücksichtigt weder die politische, ethnische und sprachliche Vielfalt noch die Gleichstellung der Geschlechter. Dies bedeutet, dass sich in den nächsten zwei oder drei Jahren extremistische Ideologien in Afghanistan durchsetzen werden“, zitiert die FAZ den Präsidenten, der in dieser Sache wenig Glaubwürdigkeit in die Waagschale werfen kann:

Tadschikistan wird regelmäßig selbst für Verstöße gegen die Menschenrechte, Verfolgung von Oppositionellen und der Bekämpfung der Pressefreiheit kritisiert. Das Land ist politisch gespalten. Von 1992-1997 fand ein Bürgerkrieg  statt und die innenpolitische Lage ist fragil, währenddessen der Autokrat Rachmon versucht seinen Sohn als Nachfolger durchzudrücken.

Der Kreml wiederum befürchtet eine Destabilisierung Tadschikistans werde schwerwiegende Auswirkungen auf Russland haben, das wichtigste Zielland für tadschikische Arbeitsmigranten. Russland hat eine muslimische Bevölkerung die 25 Millionen Menschen umfasst. Moskau ist daran gelegen, dass diese muslimische Minderheit des Landes sich nicht einer extremen Version des Islam, wie der von den Taliban vertreten, anschließt. Aus diesem Grunde unterstützt Moskau Rahmon und dessen Politik des autokratischen Säkularismus bereits seit Jahren.

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