Adivasi im aktuellen Indien

Theodor Rathgeber

Adivasi ist in Indien der Begriff für „erste Bewohner“ (oder Bewohnerin). In Indien bedeutet dies nicht ‚Ureinwohner‘ im eigentlichen Sinn – wenn ich den sprachlichen Beigeschmack an dieser Stelle unbeachtet lasse. Die Vorfahren der heutigen Adivasi mussten im Zug der indo-europäischen Einwanderung, die um 1500 v. Chr. begann und bis 500 v. Chr. andauerte, aus fruchtbaren Talabschnitten in entlegene Wald- und Berggebiete zurückweichen. Dort konnten sie teilweise bis heute ihre traditionellen Lebensformen bewahren. Die Einwanderer (genannt Aryer) richteten in Jahrhunderten das Kastensystem zur Sicherung ihrer Vorherrschaft ein. Die Adivasi stehen außerhalb dieses Kastensystems und damit politisch, sozial und kulturell am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala. Aus dem Widerstand und der Selbstbehauptung übernahmen politisch aktive Adivasi den Sanskrit-/Hindi-Ausdruck „Adivasi“ und verwenden ihn bis heute. Er ist inzwischen auch in offiziellen Dokumenten und in der akademischen Diskussion präsent. Entsprechend den Rechtsansprüchen in der indischen Verfassung wird parallel „Scheduled Tribes“ gesprochen, das heißt von Staats wegen registrierte und anerkannte Stammesgesellschaften. 

Laut empirischen Untersuchungen und Volkszählungen kann von rund 110 Millionen Angehörigen der Adivasi ausgegangen werden, die über 600 Gemeinschaften und eine Vielzahl an unterschiedlichen Sprachgruppen bilden. Ein Großteil konzentriert sich auf den sogenannten ‚Tribal Belt‘, der sich von Südost nach Nordwest durch Indien zieht. Nicht zufällig finden sich in diesen Gebieten großflächige, zusammenhängende Wälder, aber auch viele Rohstoffe. Das Bauxit etwa kann beispielsweise in den Bundesstaaten Odisha oder Chhattisgarh mit den Händen aufgesammelt werden. Die Webseiten einschlägiger Nichtregierungsorganisationen liefern weitere Grunddaten – wie etwa Adivasi-Koordination, Adivasi Tee-Projekt, Gesellschaft für bedrohte Völker oder Survial International.

Wie andere indigene Völker müssen Adivasi nahezu täglich um ihre Land- und Ressourcenrechte kämpfen. Bergbau (Kohleabbau in Jharkhand), Industrieansiedlung (Stahlwerk POSCO in Odisha), Straßen- und andere Infrastrukturmaßnahmen (überall), Staudämme und Wasserkraftwerke sowie Stromleitungen (aktuell vor allem in den Himalaya-Regionen), Aufforstungen und Plantagenanlagen (in den nordost-indischen Bundesstaaten), die Einrichtung oder Erweiterung von Wildreservaten (Madhya Pradesh) und anderes mehr führen bis heute zu Vertreibungen, in der Regel ohne Kompensation. Die zwangsweise Umsiedlung wird ergänzt durch Repression, wenn sich Protest formiert; etwa in Form von Straßenblockaden.

Mit den aktuellen Protesten der kleinbäuerlichen und bäuerlichen Betriebe aus dem Punjab sind Adivasi allerdings wenig verbunden. Einige Adivasi beteiligen sich an den Märschen der Landrechtsbewegung Ekta Parishad, die sich im Sinne Gandhis für die Rechte der unterdrückten Landbevölkerung einsetzt und teilweise hunderttausende Menschen mobilisieren kann. Bei all diesen Formen des Protests tritt ein Problem innerhalb der sozialen Bewegungen immer gleichermaßen auf: Die Adivasi spielen auch dort nur eine zweite Rolle, sind als Mitgänger willkommen, aber in führenden Gremien sind sie selten vertreten. Die Adivasi verfügen über keine schlagkräftige organisatorische Interessenvertretung, die ihnen bundesweit oder regional mehr Aufmerksamkeit garantieren könnte. Und so reihen sich Adivasi eher mit Vorbehalt in eine größere Protestbewegung ein, da sie – die Erfahrung lehrt sie das – vice versa keine gestaltende Wirkung ausüben.

Die Folgen der Corona-Pandemie haben Adivasi-Gemeinschaften zum Teil mit eigenen Mitteln aufgefangen. Sie mussten mit der großen Zahl an zurückkehrenden Wander- oder Saisonarbeiter:innen fertig werden, und konnten kaum auf staatliche Hilfe hoffen. Ihre entlegenen Siedlungen waren lange Zeit für die staatliche Verwaltung nicht auf der To-do-Liste. Sie haben alle Rückkehrer/-innen aufgenommen, sie aber innerhalb des Dorfes oder der Gemeinschaft separiert und in Quarantäne gehalten. Alle wurden mit Wasser und Lebensmitteln versorgt, wenngleich die Versorgung nun noch knapper ausfiel als zuvor. Gut organisierte Gemeinden sorgten mit eigenen Mitteln dafür, dass der Zugang von außen nur denjenigen möglich war, die entweder zur Gemeinschaft gehörten oder als Hilfe benötigt wurden. Adivasi in den Städten hatten diese Mittel der Selbstorganisation nicht und waren in vielem von der Kernfamilie oder der staatlichen Versorgung abhängig. Wie andere Teile der sozial unterprivilegierten Bevölkerung erlebten sie die Tragik, dass das indische Gesundheitssystem zu schnell an seine Grenzen gekommen war. Nicht in allen Bundesstaaten gleich, denn es gab Landesregierungen wie in Kerala, die hatten ihre Gesundheitsinstitutionen nicht kaputtgespart. Ich selber wurde damit konfrontiert, dass einige politische Weggefährten aus der Zeit der 1990er Jahre die Infizierung nicht überlebten. Es hat in ganz Indien viele Opfer gekostet, ehe die BJP-geführte Unionsregierung unter Premier Modi die Erkenntnis zuließ, dass eine halbwegs wirksame Pandemie-Bekämpfung ohne die Erfahrungen aus der lokalen Resilienz und den dortigen Kompetenzen nicht funktioniert.

Der Klimawandel und damit zusammenhängende Wetterphänomene wie drastisch schwankende Niederschlagszeiten und –Mengen ist auch in den Siedlungsgebieten der Adivasi spürbar. Mit der Nutzung des von ihnen Jahrtausende gepflegten Waldes könnten sie einiges ausgleichen. Die Forstbehörden in einzelnen Bundesstaaten, aber auch Umweltschützer und Tierparkfreunde machen ihnen das Leben schwer. In völliger Verkennung, dass der ökologische und klimarelevante Wert der Wälder genau auf der Pflege und Nutzung durch die lokalen Adivasi-Gemeinschaften beruht, verfolgen sie die irrsinnige Idee, die Wälder von der menschlichen Nutzung auszuschließen. Die Vorstellung einer Wildnis ohne lokale Bewohner:innen führt auch hier zu Vertreibungen bis in heutige Tage. In den Konflikten um die Einrichtung oder Erweiterung von Tierreservaten etwa in Chhattisgarh (Barnawapara Wildlife Sanctuary) oder Madhya Pradesh (Bandhabgarh National Park) oder Odisha (Tiger Reservation) oder Telangana (Tiger Reservation Amrabad). Letzterer Fall ist besonders absurd, da die indigene lokale Bevölkerung vertrieben aber der kommerzielle Abbau von Uran im gleichen Gebiet genehmigt wird.

Die Missachtung der lokalen Kompetenzen zur Bewältigung des Klimawandels und seiner örtlichen Folgen zeigt sich nicht nur in den genannten Beispielen, sondern gegenüber allen – traditionellen – Nutzungsformen der Adivasi bei Wald, Gewässer oder im Landbau. Natürlich wird die traditionelle Bewirtschaftung nicht hinreichen und muss durch Beispiele aus anderen Klimazonen sowie Forschung ergänzt werden. Adivasi und ihr Wissen sind jedoch nicht einmal Objekt – geschweige denn Subjekt – einer staatlichen Planung, wie mit einheimischen Mitteln die Folgen des Klimawandels abgemildert werden können. Lösungen sind hier nicht zu finden. Das könnten die Gesellschaften im globalen Norden entschiedener bewerkstelligen – wenn sie wollten.

Adivasi-Koordination

AKD_rundbrief76.pdf (adivasi-koordination.de)

adviasi – GfbV Blog

Adivasi in Indien: Vergessen, verdrängt, ruiniert – und wiederständig! Von Theodor Rathgeber, 12.4.2005 (gfbv.it)

Ekta Parishad | Greenpeace Köln

Freunde von Ekta Parishad (freunde-ekta-parishad.de)

INDISCHE LANDLOSEN-BEWEGUNG »EKTA PARISHAD« (scharf-links.de)

Corona stoppt Fußmarsch der indischen Landrechtebewegung Ekta Parishad (machtvonunten.de)

Auftakt zu großen Massenmobilisierungen für Landrechte! (machtvonunten.de)

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