Neu-Russland entsteht

Nach der russischen Anerkennung der „Volksrepubliken“ im Donbas und dem Einmarsch russischer Einheiten wächst zusammen, was zusammengehört? Präsident Putin sieht sein militärisches Handeln in einem historischen Kontext. Es geht ihm um die Wiederherstellung der alten russischen Herrlichkeit, was auch immer das ist.

Von Wolfgang Mayr

In dieser Logik könnte der italienische Staatspräsident Mattarella einen großen Teil Europas, Nordafrikas und des Nahen Ostens für Italien beanspruchen. Italien als Erbe des römischen Imperiums.

Bundeskanzler Scholz steht auch ein historischer Handwerkskasten zur Verfügung. Scholz als später Erbe von Friedrich II, Kaiser des römischen Reiches deutscher Nation?

Historisch reichte auch die Habsburger Monarchie weit in das östliche Mitteleuropa hinein, ins damals „polnische“ Lemberg, nach Siebenbürgen im heutigen Rumänien. Also wäre die Wiederherstellung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn im Sinn des Historikers Putin nur konsequent? Klingt absurd. Für Putin und sein Russland keineswegs.

Stichwort historisch: Der Oblast Kaliningrad war bis 1945 das nördliche alte Ostpreußen, heute ein russischer Vorposten zwischen Polen und Litauen. Finnisch das östliche Karelien, das sich die stalinistische Sowjetunion einverleibt hatte, das ehemalige Ostpolen annektierte die Sowjetrepublik Belarus, das russisch besiedelte Transnistrien spaltete sich von Moldawien ab, historisch belegt ist der Raub der Krim von den Tataren und Sibirien von den dort lebenden Ureinwohner-Nationen.

Um seinen jüngsten Raubzug zu legitimieren, erklärte Putin die Ukrainer zu einem abtrünnigen „Brudervolk“, das auch noch selbstüberschätzend  meint, eine souveräne Nation zu sein.

Putin wirft diesem „Brudervolk“ vor, an den Schwestern und Brüdern im Donbas Genozid, Völkermord zu verüben. Ähnlich hantierten die anderen Brüder, die Serben, anfangs der 1990er Jahre im Krieg in Bosnien. Die bosnischen Serben warfen den Bosniaken vor, ihre Auslöschung zu betreiben. Serbische Truppenverbände schlugen deshalb in Bosnien vorbeugend zu, aus „Schutzverantwortung“ sozusagen. Plattform dekoder verweist auf die frappierende Ähnlichkeit der Ereignisse, der Strategie.

Tatsächlich waren die Ukrainer Opfer von Völkermord. Zwischen 1932 und 1934 starben mehr als drei Millionen UkrainerInnen an einer politisch herbeigeführten genozidalen Hungerkatastrophe. Die Historikerin Anne Appelbaum ist überzeugt, „nach Raphael Lemkins Definition (er entwickelte die These des Genozids) war der `Holodomor´ ein Völkermord“. Gezielt ermordet wurde während der Hungersnot auch die ukrainische Elite.

In den entvölkerten ost- und südukrainischen Dörfern ließ das Regime zehntausende Menschen aus Russland und Weißrussland ansiedeln, zeichnete Appelbaum in ihrem Buch „Roter Hunger – Stalins Krieg gegen die Ukraine“ die Russifizierung des Landes nach. Der massenhafte Hungertod und die Ansiedlung von Russen war das stalinistische Kolonialisierungsprojekt, aus der Ukraine sollte ein ununterscheidbarer Teil Russlands werden.

In der sowjetischen Geschichtsschreibung gab es keinen Hinweis auf den Hunger-Holocaust, er wurde vertuscht, das Reden darüber wurde unter Strafe gestellt. Auf den stalinistischen Völkermord folgte der Genozid der deutschen Wehrmacht, der SS und Waffen-SS. Die sowjetischen Historiker schrieben diese Geschichte um, die mehr als sieben Millionen, darunter mehr als eine Million ukrainischer JüdInnen, von den Nazis ermordeten UkrainerInnern galten „Sowjetmenschen“, als Russen.

Die russischen Sowjets machten aus der Ukraine ein Reservat unter strikter Kontrolle. Stalin wollte in den 1930er-Jahren nicht die Ukraine verlieren, deshalb die organisierte Hungersnot. Stalin-Nachfolger Putin will heute nicht die Ukraine verlieren, an den demokratischen Westen, zielt Appelbaum eine Parallele.

Der russische Präsident verfolgt einen klaren Plan, die Salonkolumnisten zeichnen ihn nach: 2008 marschierten russische Truppen in Südossetien und Abchasien ein und „befreiten“ die zuvor mit russischen Pässen ausgestatteten Minderheiten. Auch die russischstämmigen Minderheiten im Baltikum werden von Russland auf vielfältige Weise unterstützt. Russische sozialen Medien reklamieren große Teile Litauens als historisch zu Russland gehörig. Lange vor der Annektion der Krim 2014, die seit 1954 zur Ukraine gehört, unterstützte Russland die dortigen russischstämmigen Bürger auch mit Pässen. Nach dieser Blaupause wurde auch der Ostukraine gehandelt.

Letzthin wurde immer wieder die Frage formuliert, was will Putin? Der russische Präsident Putin versteckte nie seine neoimperialen Ambitionen, er verfolgt offen sein revisionistisches Programm. Schon vor einem Jahr veröffentlichte Putin auf den Regierungsseiten seinen Aufsatz über die Ukraine und legte überraschend und unmissverständlich klar, dass die Ukraine das nächste Ziel auf seiner Agenda ist. Die Salonkolumnisten schreiben: „Zugleich verdeutlichen seine Forderungen vom Dezember 2021, dass sich seine Ziele nicht auf die Kontrolle der Ukraine beschränken – ganz im Gegenteil. Es geht ihm um eine russische Hegemonie in Osteuropa, die er mit militärischen Mitteln erreichen will. Putin sieht sich im Konflikt mit uns, er hat seine Mission formuliert und wir werden ihn kaum davon abbringen können, sie zu verfolgen.“

Seit dem Zerfall emanzipierte sich die Ukraine von Russland, Viktor Janukowitsch und seine Donbas- Partei der Regionen (russisch-nationalistisch, linkspopulistisch) versuchte sie wieder zurückzuführen. Als Kolonie, was die Ukraine über Jahrhunderte ja auch war. Die ukrainische und die russische Sprache sind verwandt, die russische Sprache war aber dominierende Amtssprache der Zaren und der Bolschewiki, die wiederum die ukrainische Sprache verboten. Dem „Brudervolk“ untersagten die großen Brüder die eigene Sprache.

Diese Geschichte, die Annektion der Krim und die folgende Fast-Besetzung des östlichen Donbas und die Infragestellung ukrainischer Souveränität und Sprache blieben nicht folgenlos. Noch 2005 sprach eine Mehrheit der Ukrainer russisch, seit zehn Jahren wachsenden russischen Drucks verwenden inzwischen zwei Drittel der Bewohner das Ukrainische (siehe Anne Appelbaum, Roter Hunger).

Die anti-ukrainischen Donbas-Regionen gehören seit der Pariser Friedenskonferenz 1919 zur Ukraine, wie auch Galizien mit seinen ukrainischen Hochburgen um Lwiw (Lemburg unter der Habsburger Zeit).

Dekoder schrieb vor wenigen Tagen prophetisch: „In den Donbass einmarschieren, sich in den Kampf mit der ukrainischen Armee begeben, bis Kiew vordringen. Und der Ausstiegsplan könnte wie folgt aussehen: Die Ukraine in drei Teile teilen. Der Westen bleibt dem Westen, die Mitte bleibt eine geopolitisch „neutralisierte“ Ukraine, der Donbass wird angegliedert.“ Die von den Kommunisten geforderte Anerkennung der „Volksrepubliken“ war letztendlich der Startschuss für die angelaufene Invasion.

Präsident Putin, der die Staatsführung der Ukraine als Neo-Nazis beschimpft, lässt ein Land überfallen, das er als Brudervolk empfindet. Er spricht den Ukrainern ihre Existenz ab und ist sie derzeit dabei, zu zerstören. Was haben Staaten zu erwarten, die keine „Brudervölker“ der Russen sind?

 

Weitere Informationen:

Der „Westen“ ist mit seinen Sanktionen gescheitert, analysieren die Salonkolumnisten, die Aufnahme der Ukraine in die EU und in die Nato wäre die beste Vorbeugung gegen den russischen Neo-Imperialismus gewesen: Der Rohrkrepierer: Sanktionen – Salonkolumnisten

Der Schriftsteller Jurij Andruchow­ytsch verzweifelt an der deutschen Russland-Politik. Sein Vorwurf: „Der Respekt vor Ein­fluss­sphä­ren steht für die Deut­schen an obers­ter Stelle. Und Putins Ein­fluss­be­reich wird beson­ders respek­tiert. Er ist heilig und unantastbar.“ „Acht Jahre lang hat sich niemand in Deutschland für die Ukraine interessiert“ (ukraineverstehen.de)

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